Wrestling wie im Kino: WWE WrestleMania 28

WrestleMania 28 habe ich in Erinnerung behalten als die bisher letzte wirklich gute WrestleMania. WM 29 fand ich über alle Maßen enttäuschend, WM 30 lebte von Daniel Bryan, WM 31 von Seth Rollins und WM 32? Da möchte ich mich korrigieren. Vergangenes Jahr hatte ich behauptet, diese Mania habe die Regel die Vorjahre bestätigt, dass die Manias der gerade Zahlen die besseren gewesen seien. Da bin ich mir nicht mehr so sicher und ranke WM 32 eher auf dem Level von WM 31. Wirklich gut war anders. In Erinnerung behalten habe ich ohnehin wenig.

Also habe ich mir jetzt WrestleMania 28 auf DVD besorgt und blicke fünf Jahre in die Vergangenheit, auf den 1. April 2012 in Miami, als die WWE noch eine andere war. Das Roster wurde mittlerweile fast komplett durchgetauscht, ehemalige Indy-Stars waren eine Rarität und John Cena schwebte über allem und jedem und vor allem mit Direktticket in den WrestleMania Main Event. Aber Main Event kommt am Schluss – wir fangen vorne an.

World Heavyweight Championship
Daniel Bryan © vs. Sheamus

Ein Grund, warum mir WrestleMania 28 positiv in Erinnerung geblieben ist, ist wohl, dass diese Farce schon ganz zu Beginn über die Bühne ging. Es ist unglaublich, wie die WWE es beinahe in den ersten Sekunden geschafft hätte, eine komplette Vier-Stunden-Show zu ruinieren. Innerhalb von 18 Sekunden fertigte Sheamus Bryan ab und gewann den World Title. Bis heute in meiner Augen einer der größten WWE-Skandale aller Zeiten, wie die WWE bereits zu Beginn der Mega-Show Tausenden von Fans mit vollem Vorsatz ins Gesicht kotzte. Aber nicht mit den Fans in Miami! Sie skandierten Bryans Namen nicht nur im weiteren Verlauf der Show in fremden Matches, sondern forderten ihn in den Folgewochen lautstark. Der Beginn des Yes-Movements. Ohne dieses Match und die Fans von WrestleMania wäre Bryan vielleicht nie so aufgestiegen, wie er es tat. Das Match hat also etwas Positives bewirkt – ist für sich alleine aber eine der größten Frechheiten der WWE-Geschichte.
Bewertung: 0/5

Kane vs. Randy Orton

Normalerweise ist ein Opener ja dazu da, die Stimmung ordentlich anzukurbeln, die Zuschauer auf Betriebstemperatur zu bringen und ihnen einen ersten positiven Gedanken einzupflanzen. Da das ja schon mal nicht geklappt hat, wäre eigentlich dem zweiten Match auf der Card diese Rolle zugekommen. Kane vs. Randy Orton war allerdings... eher langweilig. Erwartungsgemäß langweilig. Ein Match so gedankenlos inszeniert wie sein Null-Aufbau (ihr erinnert euch hoffentlich nicht: Kane dreht durch, weil Orton ihm Monate zuvor mal die Hand geschüttelt hat). Gut an dem Match war allerdings das Finish und der Sieger: Kane gewann nach einem Chokeslam vom zweiten Seil. Das finde ich auch deswegen gut, weil ich Kane schlicht und ergreifend mal einen sauberen Sieg in einem Singles-Match bei WrestleMania gegen einen profilierten Gegner gönne. Orton hingegen war schon damals genauso eine Schnarchnase wie heute.
Bewertung: 2/5

WWE Intercontinental Championship
Cody Rhodes (c)vs. Big Show

Hier ist es fast das Gleiche wie bei Kane vs. Orton. Das Match war wieder nicht der Rede wert, es war sogar noch eine Ecke schwächer, weil mit rund fünf Minuten gerade mal halb so lang. Auch hier gönne ich Big Show einfach den cleanen Sieg und den Titelgewinn bei WrestleMania. Zumal es genau darum in der Story ging: Big Show ist sonst der wohl größte Loser der WrestleMania-Geschichte. Der witzige Videoclip mit Big Shows Pannen vor dem Match war übrigens noch das Beste. Ich sag nur: WrestleMania, wooo.
Bewertung: 1,5/5

Beth Phoenix & Eve Torres vs. Kelly Kelly & Maria Menounos

Ouf, wie kam ich nochmal auf die Idee, dass diese Show hier gut war? Das vierte schwache Match hintereinander. Aber was will man auch von einem Match eines Promis – Maria Menounos ist Moderation – erwarten, wenn der Promi keinen richtigen Profi an der Seite hat... Eines muss man Kelly Kelly aber zugute halten: Mit einer sauberen Summersault Senton von den Seilen zeigte sie die beste Aktion des Matches. Fünf Jahre später geht es der Division nach der Women's Revolution schon eine Ecke besser. Um diese Verlegenheits-Lösungen bei WrestleMania kommen wir jetzt wohl umzu... Dass Kelly Kelly und Maria Menounos gewannen, brauch ich wohl nicht zu erwähnen.
Bewertung: 0,5/5

End of an Era
Hell in a Cell Match
Triple H vs. The Undertaker

Und als man denkt, WrestleMania dümpelt so vor sich hin, kommt da dieses Match. Und was für eins! Der Undertaker und Triple H stellten einen Reißer auf die Beine, der sich vor den ganz großen Matches der WrestleMania-Geschichte nicht zu verstecken braucht. Ein Match, das sich von vorne bis hinten groß anfühlte, mit einer Story und einer Dramaturgie, die einfach das Nonplusultra sind, was Wrestling leisten kann. Leute, das ist Kino. Das ist Kino-Wrestling! Triple H und der Undertaker – hier erstmals mit Irokese – bewiesen in diesem harten, aber PG-konformen Hell in a Cell Match, dass sie zu den besten „Psychologen“ und „Sellern“ aller Zeiten gehören. Eine ganz wichtige Rolle spielte auch Shawn Michaels als innerlich zerrissener Gast-Ringrichter, der beste Freund von Triple H und der, dessen Karriere der Undertaker zwei Jahre vorher beendet hatte. Michaels war wichtig, für die Story, aber auch für die Action. Als er dem Undertaker eine Sweet Chin Music verpasste und Triple H den Pedigree direkt folgen ließ – wow, der beste Nearfall ever! Krönung des Ganzen war das bildlich starke Finish mit einem kämpferischen Triple H und einem gnadenlosen Undertaker – offensichtlich eine Reminiszenz an das Finish, das die Karriere von Shawn Michaels beendet hatte. Für die Ewigkeit auch der Moment nach dem Match, als der Undertaker, Shawn Michaels und Triple H in Versöhnung und in tiefstem gegenseitigen Respekt auf der Rampe standen und sich feiern ließen. Zusammen mit dem Kommentar von Jim Ross, der bei diesem Match neben Michael Cole und Jerry Lawler saß, war das 20:0 des Undertakers bei WrestleMania ein absolutes Meisterwerk. Das Match war tatsächlich das Ende einer Ära, es war das letzte richtig, richtig gute Undertaker-Match.
Bewertung: 5/5

Interpromotional Match
Team Johnny vs. Team Teddy

David Otunga, Dolph Ziggler, Drew McIntyre, Jack Swagger, Mark Henry & The Miz vs. Booker T, Kofi Kingston, R-Truth, Santino Marella, The Great Khali & Zack Ryder

So hat man also den Rest des Rosters auf die WrestleMania-Card bekommen – in Zeiten nach dem Money in the Bank Ladder Match und vor der Andre the Giant Memorial Battle Royal. Für The Miz natürlich ein ziemlich tiefer Fall. Schließlich hatte er nur ein Jahr vorher den Main Event von WrestleMania 27 gegen John Cena gewonnen. Immerhin war er es, der am Ende den Sieg für das rote Team von John Laurinaitis einfahren durfte. Das Finish in einem eher schwachen und höhepunktlosen Match war allerdings mal gewaltig dämlich: Eve Torres mischte sich ins Match ein, kostete Zack Ryder und Team SmackDown den Sieg – und turnte nach dem Match Heel. Wohl das Einzige, an das man sich später erinnern könnte. Das Match an sich hatte nur kurze Actionphasen, von den 12 Teilnehmern konnte man in nur gut zehn Minuten natürlich kaum etwas sehen.
Bewertung: 1,5/5

WWE Championship
Chris Jericho vs. CM Punk (c)

Yeah, und hier das zweite Match, auf das ich schon beim ersten Anschauen vor fünf Jahren voll abgefahren bin. Und ein Match, das meiner Meinung nach im Nachhinein viel zu wenig Anerkennung bekommt. Ja, das technische Wrestling hat in den vergangenen fünf Jahren ordentlich an Tempo und Kreativität angezogen, Chris Jericho und CM Punk kann man sich aber auch heute noch super ansehen. Denn die beiden legten ein Match mit Klassiker-Potential auf die Matte. Die etwas nervigen eingewobenen Story-Elemente zu Beginn, wenn Jericho Punks Familie beleidigt, verzeihe ich den Protagonisten für ihr dann bockstarkes Match gerne. Ein technisch feines Duell mit sich steigernder Intensität und etlichen genialen Kontern – darunter eine Top Rope Hurricanrana Punks, die in die Walls of Jericho gekontert wird. Gegen Ende wird es eine Submission-Schlacht zum Fingernägelkauen mit tollem Finish zu Gunsten des Champions. CM Punk durfte also ein Kapitel dran hängen, an das Epos, das sein 434 Tage währender Title-Run war.
Bewertung: 4,5/5

Vor dem Main Event brauchten die Fans in der Arena (und ich vor dem Fernsehen) starke Nerven und einen langen Atem. Denn es bis zum scheinbaren „Once in a Lifetime“-Match dauerte es und dauerte es und dauerte es. Es brachte die WWE ein peinliches Segment mit „Funkosaurus“ Brodus Clay, der seine Mama anrief. Samt „Bridge Club“-Freundinnen und übermäßig ausgestopften Hinterteilen kam Mama Clay prompt auf die Bühne. Dann schwangen alle ihre Hinterteile zur Musik. Puh. Und dann war immer noch nicht Haupt-Match-Zeit: Die Rapper Machine Gun Kelly und Flo-Rida spielten Songs, die einfach nicht enden wollten. Eine unsägliche Zeitverschwendung – und Daniel Bryan musste in 18 Sekunden verlieren...

John Cena vs. The Rock

Und dann ging es doch irgendwann los. Nach einjährigem Aufbau mit John Cena bestritt The Rock sein erstes Singles Match in neun Jahren (!) – von Ringrost aber keine Spur! Gemeinsam mit Cena lieferte er ein tatsächlich sehenswertes Match ab, solide inszeniert, stimmungsvoll, durchaus spannend. Und mit dem meiner Meinung nach richtigen Sieger: The Rock. Natürlich weil John Cena clean per Rock Bottom verlor. Bei WrestleMania 28 war die Anti-Cena-Stimmung auch bei mir am Brodeln. Und ich weiß nicht, was innerhalb der vergangenen ein, zwei Jahre passiert ist: Diese Stimmung, die sich über Jahre intensiv richtig angefühlt hat, wirkt mittlerweile ziemlich weit weg... Aber nicht nur wegen Cena gefiel mit das Ergebnis: The Rock steht für mich bei WrestleMania 28 durchaus in einer Reihe mit Kane und Big Show: Ich gönnte ihm den Sieg. So komisch das klingt. Obwohl er ein Part-Timer war, der Arbeitstieren wie CM Punk den Platz an der Sonne „wegnahm“. Denn The Rock hatte, ob man es glaubt oder nicht, vorher nie einen WrestleMania Main Event gewonnen. Ätzend wurde es noch ein wenig nach dem Match, als Kommentator Michael Cole den Zuschauern weismachen wollte, dass es in diesem Match eigentlich gar keinen Verlierer gegeben hatte... Anscheinend fühlte sich die WWE aber ein Jahr später verpflichtet, das Ergebnis korrigieren zu müssen. Aus „Once in a Lifetime“ wurde „Twice in a Lifetime“ – und John Cena gewann bei das (um Dimensionen schlechterere!) Rückmatch bei WrestleMania 29. Und erinnere ich mich wieder, was ich nochmal gegen John Cena hatte...
Bewertung: 3,5/5

Fazit

Ja... gut... also... ok... So gut war WrestleMania 28 dann doch nicht, wie ich die Show in Erinnerung hatte. Aber damit hat sie etwas mit der gemeinhin als besten Mania gefeierten WrestleMania 17 gemeinsam: Nicht alles war super, aber einige Knaller-Matches gaben am Ende einen dicken Ausschlag nach oben. Fassen wir zusammen: Eine kolossale Frechheit eröffente die Show (Sheamus/Bryan), die Matches in der Under- und Midcard waren eher mau, ihnen lagen aber einige gute Entscheidungen zugrunde (Kane, Big Show), unterm Strich stehen aber ein gutes (Rock/Cena) und zwei richtig, richtig gute Matches (Hell in a Cell, WWE Championship), die man gesehen haben muss.
Bewertung: 18,5/40 Punkte
Durchschnitt: 2,3/5  – gefühlt aber etwas besser

Letzte Änderung amSamstag, 01 April 2017 11:42
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