Warum eigentlich Entrances? Oder: Es war einmal ein Papst...

  • 22 Dezember, 2017
  • geschrieben von 
  • Gelesen 352 mal
  • Artikel bewerten
    (0 Stimmen)

Oh mein Gott, was zum Thema Religion. Aber naja, warum auch nicht? Ich habe mir halt gedacht: Wenn das Internet für eines bekannt ist, dann ja wohl für reflektierte und sachliche Diskussionen, insbesondere, wenn Religion im Spiel ist. Und bald ist ja Weihnachten, da schließt sich dann wieder der Kreis.

Es wissen ja sicher einige von euch: Ich habe evangelische Theologie studiert und im Oktober mein Examen gemacht. Und meine Magisterarbeit trug den Titel: „Der Auftritt der Akteure. Introiten beim Wrestling und beim Bundesligafußball im Vergleich mit der lutherischen Liturgie“. Nein, das ist kein Witz, das ist der Kram, mit dem ich mich so im Studium beschäftige.

Parallelen zwischen Wrestling und Kirche verblüffend

Was ich auf 60 Seiten ausführlich und mit wissenschaftlichen Standards (den Guttenberg habe ich bei dem Thema wirklich nicht abziehen können) dargelegt habe, beruhte auf einer Frage, die ich mir beim Wrestlinggucken schon oft gestellt habe: Wrestler haben coole Entrances – aber warum? Warum zelebrieren Wrestler ihren Entrance so sehr, wie in keiner anderen Sportart? Gut, der Entertainment-Faktor ist so groß wie sonst nirgends auf dem Sportmarkt und Gorgeous George hat als erster „Sports Entertainer“ und dem ersten zelebrierten Entrance in der Wrestlinggeschichte das Business nachhaltig geprägt.

Aber woher kommt nun die Idee, ein Match nicht „einfach so“ beginnen zu lassen, wie es vor Gorgeous George der Regelfall war? Die Lösung ist: Die Kirche! Hättet ihr nicht gedacht, gell? Die Parallelen sind allerdings – insbesondere im katholischen Kontext – verblüffend. Und das ist weitaus mehr als ein „Bevor es losgeht, geht der Akteur irgendwo hin“. Denn schauen wir uns mal an, woraus ein Wrestling-Entrance besteht (hierbei beziehe ich mich in erster Linie auf Gorgeous George als den „Vater“ des Entrances).

Musik, Roben, Bilder - Einzüge ähneln sich

Zuerst hat jeder Wrestler ein eigenes Entrance Theme. Dass Leute auch mal ganz ohne Musik zum Ring kommen gibt es hie und da zwar immer noch, aber seit Gorgeous George mit „Pomp and Circumstance“ angefangen hat, hat sich dieser Trend spätestens in den 90er Jahren allgemein durchgesetzt. Der unmusikalische Weg zum Ring ist also inzwischen eher Alleinstellungsmerkmal, aktuell zu sehen bei Dolph Ziggler; aber das war's auch erstmal. Und Musik war schon früh zum Einleiten christlicher Gottesdienste verwendet worden: Zunächst Antiphongesänge, die ab dem 9. Jahrhundert nach und nach durch die Orgelmusik abgelöst wurde. Etwas, das sich bis heute gehalten hat und auch nach außen ausstrahlt.

Wenn wir über Wrestling-Klischees sprechen, sprechen wir irgendwann auch über die netten Spandex-Höschen, die Wrestler tragen. Der Pro-Wrestling-Schneider gehört definitiv zu den Berufen, die die Welt am dringendsten braucht. Speziell für den Entrance hat sich auch die Robe als nettes Accessoire etabliert, das von Gorgeous George eingeführt und oft, auch bis in die Gegenwart hinein, kopiert wurde – Ric Flair und Bobby Roode sind da nur zwei von vielen Beispielen. Dazu laufen, zumindest in den größeren Promotions, persönliche Videos, die den Charakter ebenfalls darstellen. Und wenn man auch so einiges gegen die katholische Kirche sagen kann: Gebäude bauen können 'se. Ihre Gebäude, seien es nun Kirchen oder nicht, sind in der Regel so gehalten, dass sie das Auge erfreuen. Hinzu kommt die Kleidung, die stilisierte römische Festgewandung darstellt (im Gegensatz zu uns Protestanten; wir haben von Kaiser Wilhelm den preußischen Amtstalar bekommen). Einen Wrestler oder einen Geistlichen in Alltagsklamotten – hat man so etwas schon mal gesehen?

Entrances in Wrestling und Kirche wollen alle Sinne ansprechen

Einer unserer Profs sagte einmal so schön: „Wie riechen eigentlich Kirchen? Katholische Kirchen riechen nach Weihrauch, klar, aber evangelische Kirchen riechen natürlich muffig, weil sie außerhalb des Gottesdienstes so gut wie nicht genutzt und deswegen nicht gelüftet werden.“ Im Wrestling wird heute eigentlich nicht mehr mit Düften gearbeitet – mal vom Schweiß abgesehen – aber Gorgeous George hat genau das getan. Von seinem Valet Jeffries (damals waren Valets in der Regel Männer) ließ er den Weg zum Ring immer mit Chanel Nr. 5 zudieseln und mit Rosenblättern ausstreuen.

Ok, es dürfte inzwischen klar sein, in welcher Weise diese beiden Art und Weisen des Einzugs funktionieren: Sie versuchen, möglichst alle Sinne anzusprechen. Es gibt was fürs Auge, die Ohren und (wenn im Wrestling inzwischen auch nicht mehr) für die Nase. Auch den Tastsinn könnte man hier noch bedienen, wenn in der Kirche aufgestanden wird und Gorgeous George bei seinem Entrance immer Haarnadeln an seine weiblichen Fans verteilte.

Das war eine kleine Episode für alle die, die sich schon immer gefragt haben, was man eigentlich so im Theologiestudium macht. Man analysiert Wrestling-Entrances. Und jetzt erwarte ich böse Briefe und Facebook-Hate, weil ich das Thema Religion angesprochen habe.

Letzte Änderung am Mittwoch, 03 Januar 2018 20:16

Meistgelesene Artikel (alltime)

Kalender

« Dezember 2018 »
Mo Di Mi Do Fr Sa So
          1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30
31