Wrestling made in Germany: Die besten deutschen Wrestler

  • 18 Dezember, 2017
  • geschrieben von  Thomas Hippel
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Seit Triple H bei NXT das Zepter schwingt, stehen die Chancen für erfolgreiche Independent-Wrestler, einen WWE-Vertrag zu ergattern, besser denn je. Weltweit sucht der Branchen-Primus inzwischen nach vielversprechenden Talenten. Von dieser Öffnung profitiert auch die europäische Szene. Selbst aus Deutschland – wo das Wrestling vor kaum einer Dekade noch nahezu komplett am Boden lag – ist der Weg ins Performance Center in Orlando nicht länger eine Utopie. Doch wer sind eigentlich die zurzeit besten deutschen Wrestler? Die folgende Auflistung (in alphabetischer Reihenfolge) soll einen subjektiven Überblick über die stärksten Performer hierzulande liefern.

Alpha Female

Die „Alpha Female“ Jazzy Gabert ist ohne Zweifel die beste Frau im deutschen Wrestling. Das mag – angesichts der Tatsache, dass das Frauen-Wrestling in Deutschland immer noch in den Kinderschuhen steckt – noch nicht allzu beeindruckend klingen. Tatsächlich ist die MMA-geschulte und -erfahrene Berlinerin aber aufgrund ihrer Wrestling-Skills und ihrer martialischen Erscheinung eine echte Attraktion im Ring. Das hat ihr in der Vergangenheit zu zahlreichen Bookings weltweit verholfen, etwa in Japans berühmter Stardom-Promotion. Und auch WWE ist schon auf Gabert aufmerksam geworden. Beim Mae Young Classic schied sie zwar in Runde eins früh aus, riss das Publikum aber mit ihren Leistungen an dem Wochenende zu lautstarken „Please sign Jazzy“-Chants hin. Vielleicht sehen wir die Stieftochter von Japans Wrestling-Legende Masahiro Chono ja schon wirklich bald bei NXT…

Axel Dieter Jr. / Marcel Barthel

Seinen Weg zu NXT bereits gefunden hat der Second-Generation-Wrestler Axel Dieter Jr., der gegenwärtig unter seinem bürgerlichen Namen Marcel Barthel in den Ring steigt. Der Sohn der deutschen Wrestling-Legende Axel Dieter hat in den vergangenen Jahren einen steilen Aufstieg hingelegt. Den Erfolgen im Tag Team mit seinem Partner Da Mack als Hot & Spicy folgten bald die ersten Meilensteine als Einzelwrestler. Besonders hervorzuheben ist hier etwa die zweimalige Finalteilnahme beim 16-Carat-Gold-Turnier der deutschen wXw. Die erbitterte Fehde mit dem britischem Top-Wrestler Marty Scurll katapultierte den Hamburger schließlich in die Main Events, und nach dem Gewinn der wXw Unified World Wrestling Championship schickte sich Dieter/Barthel an, auch international voll durchzustarten. Doch gerade als das Stable Ringkampf um ihn, WALTER und Timothy Thatcher auf dem Höhepunkt schien, schlug die WWE zu und nahm den Hamburger unter Vertrag. Kein schlechter Zug, ist Dieter/Barthel doch nicht nur ein hervorragender Techniker… als Poster-Boy des deutschen Wrestlings könnte er mit dem entsprechenden Aufbau sogar zu einem Zugpferd der WWE im hiesigen Wrestling-Markt aufgebaut werden.

Axel Tischer / Alexander Wolfe

Einem Axel Tischer hingegen scheint die Rolle des „Stars“ im klassischen Sinne nun nicht gerade auf den Leib geschneidert zu sein. Sein Look ist ungleich derber als der eines Axel Dieter Jr., definiert und austrainiert ist er auch nicht so sehr wie viele andere WWE-Größen. Zudem galten Promos immer als seine große Schwäche. Und doch: In den vergangenen Monaten hat sich Tischer unter seinem WWE-Namen Alexander Wolfe und als Teil des Stables SAnitY in die Herzen von immer mehr NXT-Fans gewrestlet. Seine Breakthrough-Performance hatte er im Match an der Seite von Eric Young um die Tag-Team-Titel der bis dahin superdominanten Authors of Pain, in welchem er zahlreiche starke Momente hatte und am Ende gar den erfolgreichen Pinfall zum Titelgewinn anbringen durfte. Und auch im ersten War Games Match der WWE-Geschichte beeindruckte Tischer durch Härte, halsbrecherische Aktionen und Kampfgeist. Trotzdem gilt der hervorragende Allrounder, der dafür bekannt ist, mit Wrestlern jeden Stils gute Matches auf die Matte zu zaubern, immer noch als einer der NXTler, die am meisten underrated sind.

Absolute Andy

Viele hatten Absolute Andy schon abgeschrieben, als er sich zwischen 2012 und 2014 fast komplett aus Deutschlands bedeutendster Wrestling-Ppromotion, der wXw, zurückgezogen hatte. Da hatten sie die Rechnung aber nicht mit dem Kampfgeist des Franken gemacht, der im Herbst 2014 in bestechender Form zurückkehrte und unter anderem mit einer tollen Leistung gegen das damalige Ace von New Japan, Hiroshi Tanahashi, für Aufsehen sorgte. Seitdem mischt der Absolute, der in den vergangenen Jahren wieder einige Pfunde draufgepackt hat, erneut ganz oben in der deutschen Wrestling-Szene, wobei die Gewichtszunahme seinem neuen „gewalttätigeren“ Stil sogar entgegenkommt. Als agiler und hart agierender „Big Lad“ im Stile eines Chis Hero (Kassius Ohno) überzeugt die „Rohrzange aus Franken“ auf ganzer Linie, und seinem anstehenden Heel-Run dürfen Wrestling-Freunde mit großer Erwartung entgegensehen.

Bad Bones John Klinger

Ein Name darf auf der Liste der besten deutschen Wrestler natürlich überhaupt nicht fehlen, der von John Klinger. Für viele ist Klinger die absolute Nummer eins hierzulande. Seit über zehn Jahren drückt Bad Bones den Main Events der deutschen Wrestling-Szene seinen Stempel auf. Ein absolutes Arbeitstier, das jeden Abend die härtesten Bumps nimmt und körperlich immer an seine Grenzen geht. Auch international feiert der Bitburger Erfolge, in England tritt er aktuell unter anderem für Defiant Wrestling (ehemals WhatCulture Pro Wrestling) auf, gelegentlich steigt er für Impact Wrestling in den Ring, und in Al Snows Londoner Wrestling Academy ist Bones zudem einer der Trainer. In der wXw steht Klinger aktuell als Unified Champion sowie als Anführer des Stables RISE an der Spitze. Als eines seiner größten Matches gilt bis heute der Triumph über Daniel Bryan im Finale des 16 Carat Gold 2008, in neuerer Zeit begeisterte und begeistert vor allem seine Matchserie mit Ilja Dragunov, die schon eine ganze Reihe großartiger Kämpfe hervorgebracht hat.

Bobby Gunns

Einer der deutschen Wrestler, die 2017 einen großen Schritt nach vorne gemacht haben, ist Bobby Gunns. Als kettenrauchender, unnachgiebiger Grappling-Killer unterwegs, hat Gunns in diesem Jahr eine Reihe namhafter Gegner hinter sich gelassen: Da Mack, LU-Star Drago, Indy-Legende Homicide, den Grappling-König Timothy Thatcher… sie alle mussten sich dem Aufsteiger in den vergangenen Monaten geschlagen geben. Aber auch wenn Gunns den Ring als Verlierer verließ, machte er meist eine gute Figur, speziell in den Auseinandersetzungen mit der Ringkampf-Fraktion um WALTER und Timothy Thatcher. Einige sehen Gunns sogar schon als kommendes Mitglied dieses Elite-Stables. Dafür müsste dieser allerdings sein pöbelndes und rauchendes Asi-Schnauzen-Gimmick ablegen, und seien wir doch mal ganz ehrlich… genau dieses Gimmick macht den Wrestler Bobby Gunns doch aktuell zu einer so speziellen Erscheinung. Seine Promo-Segment-Reihe, die „Raucherpause“, wird von den Fans gefeiert, und überhaupt ist Gunns einer der wenigen deutschen Wrestler, die sowohl im Ring als auch am Mikrofon voll überzeugen.

Da Mack

Eins vorneweg: Da Mack ist im Ring ein echt starker Performer. Nicht umsonst hat WWE den Hamburger 2016 als deutschen Teilnehmer für das Cruiserweight Classic verpflichtet. Und auch wenn der große Erfolg dem Mackster damals verwehrt blieb, so schien sein Weg an die Spitze doch bereitet. Das Jahr 2017 brachte dann aber vor allem eines mit sich für den ehemaligen Tag-Team-Partner von Axel Dieter Jr., nämlich Stagnation. Das fröhliche Tanz-Gimmick kam bei den Fans einfach nicht mehr an, folglich spielte Da Mack kaum noch eine Rolle auf den Cards. Gerade aber als man sich fast schon damit abgefunden hatte, dass er wohl doch nur der ewige Marty Janetty im Team Hot & Spicy bleiben würde, erfand sich der Mann von der Elbe komplett neu: Mit Kontaktlinsen, stylisher Entrance-Maske und neuer, zum Charakter passender Musik agiert Da Mack nach seinem Heel-Turn nun komplett anders. Bei den Fans kommt er an. Nach dieser Frischzellenkur ist der Weg zurück nach oben hoffentlich nur eine Frage der Zeit für den ehemaligen Shotgun-Champion. Die Fähigkeiten dazu hat er auf jeden Fall.

Francis Kaspin

Francis Kaspin ist so etwas wie der große Rohdiamant im deutschen Wrestling. Schon in seinen ersten Matches vor größerem Publikum zeigte sich das enorme Potenzial des Esseners, der seine sportlichen Wurzeln in der Leichtathletik hat. Selten hat man in Deutschland einen Rookie gesehen, der auf einem derart hohen Niveau agierte. In der wXw Wrestling Academy hat Kaspin unter Head Coach WALTER gelernt, seit zwei Jahren ist er erst als Wrestler aktiv. In dieser Zeit ist sein Stern im stetigen Aufstieg begriffen – sei es im Singles-Bereich oder im Team Jay FK mit dem 2017 nach jahrelanger Verletzungsauszeit zurückgekehrten Academy-Trainer Jay Skillet. Der war als Tag Team Champion an der Seite von Jonathan Gresham schon genau dort, wo nun auch Kaspin hinwill. Und in der Tat könnte auch der Weg dieses neuen Tag Teams durchaus irgendwann zum großen Gold führen. Das zeigten schon die starken Performances von Jay FK im Rahmenprogramm der diesjährigen wXw World Tag Team League. Dort trafen Kaspin und Skillet nicht nur auf die ehemaligen Impact Tag Team Champs EYFBO, sondern am letzten Tag auch in einem spontan angesetzten Ersatzkampf auf das wohl aktuell beste Tag Team der Welt, die Briscoe Brothers. Auch wenn das Nachwuchsteam hier natürlich nie in die Nähe des Sieges kam, so lieferten Kaspin und Skillet den US-Veteranen doch ein großartiges Match, in dem die Außenseiter auch eine Reihe schöner Offensivmomente für sich verbuchen konnten. Solche Auftritte machen natürlich Lust auf mehr.

Ivan Kiev

Vom Rohdiamanten zum Dark Horse der hiesigen Wrestling-Szene: Gewiss, die großen internationalen Erfolge sind Ivan Kiev in seiner immerhin schon elfjährigen Karriere bislang verwehrt geblieben. Trotzdem ist der Berliner mit einer guten Portion Talent gesegnet, was ihm unlängst zumindest den wXw Shotgun Title sowie in der Vergangenheit zweimal den Berlin-Titel in der German Wrestling Federation eingebracht hat. Bisweilen wirkt Kievs Wrestling-Stil etwas unkonventionell, gerade in Einheit mit seinem für einen Wrestler eher schlanken Körperbau. Doch gerade dies verleiht dem ehemaligen Tag-Team-Partner von Axel Tischer meiner Meinung nach auch eine spezielle Note, die ihn von anderen Performern abhebt und so wiederum zur Vielfalt des Programms beiträgt. Man könnte Kiev auch in gewisser Weise als den Thomas Müller des deutschen Wrestlings bezeichnen.

Juvenile X

Ein ganz interessanter Mann ist der von Ex-WCWler Alex Wright ausgebildete Juvenile X, der die ersten Jahre seiner Karriere hauptsächlich in der NEW, der Promotion seines Trainers in Bayern, zugebracht hat. Inzwischen hat Juvenile allerdings den Schritt in die anderen deutschen Wrestling-Promotions gewagt und sowohl bei GWF als auch bei WrestlingKULT und GHW erfolgreich auf sich aufmerksam gemacht. Auch bei wXw feierte er unlängst in München sein Debüt. Ins internationale Spotlight trat Juvenile X erstmals 2017, als er in Berlin beim deutschen Qualifier zum von WCPW ausgerichteten Pro Wrestling World Cup in Runde eins in einem schönen Kampf gegen Lucky Kid antrat. Technik, High Flying und spektakuläre Spots prägen den Stil dieses Mannes, der in Zukunft sicher noch viel von sich reden machen wird… und den auch die WWE 2017 schon zum Try-out geladen hat.

Lucky Kid

Lucky Kid ist mit seinen gerade mal 24 Jahren einer der Aufsteiger des vergangenen Jahres im deutschen Wrestling. Als Mitglied des Stables RISE errang er mit seinem Young-Lions-Partner Tarkan Aslan im Mai die Tag-Team-Titel der wXw von Absolute Andy und Marius Al-Ani und hielt diese bis zur World Tag Team League im Oktober. Bei der GWF in Berlin feierte er zudem Erfolge als Einzelwrestler und konnte sich über den deutschen Qualifier sogar für den WCPW Pro Wrestling World Cup in England qualifizieren. Dort gelang ihm trotz Niederlage eine fantastische Breakout-Performance in Runde eins gegen den Weltklasse-Superjunior Hiromu Takahashi von New Japan. Spätestens ab da war eigentlich jedem klar: Der Junge hat was drauf. Auch sein durchgeknalltes Gimmick verkörpert Lucky mit großer Hingabe. Einzig seine doch recht schmale Statur muss als kleiner Makel gesehen werden, an dem er ja allerdings auch noch arbeiten kann. Auf jeden Fall ist Lucky Kid aber ein Riesentalent, das man in Zukunft au dem Zettel haben sollte.

Marius Al-Ani

Kaum ein deutscher Wrestler hatte ein so gutes In-Ring-Jahr wie Marius Al-Ani. Starkes Match gegen Absolute Andy im Januar, starke Performances am Carat-Wochenende gegen Jeff Cobb und WALTER, ebenso im Juli beim Progress-Debüt gegen Travis Banks sowie am selben Tag gegen Matt Riddle. Und in der zweiten Jahreshälfte drehte der Erfurter dann noch mal richtig auf. Hinzu kommen anderthalb Jahre an der Seite von Absolute Andy, in denen sich die beiden zu einem absoluten Weltklasse-Tag-Team entwickelten, ehe dann der Split kam, dessen Grund wohl nur darin gesehen werden kann, Al-Ani nun ganz an die Spitze der Einzelkonkurrenz zu bringen. Auch an seiner anfänglichen Promo-Schwäche arbeitet der Aufsteiger, der sich vor allem durch seine explosive Athletik auszeichnet, konstant. Kein Wunder also, dass Al-Ani 2017 auch auf dem Radar der WWE auftauchte, die ihn zum Try-out nach England einlud. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass auch das 2018 ein ziemlich großes für den Ninja Warrior werden dürfte.

Die Keiler (Veit Müller/Jan Dietrich)

Zum Abschluss der Liste der besten deutschen Wrestler soll hier mal abweichend ein Tag Team präsentiert werden, das mir im vergangenen Jahr besonders ins Auge gestochen ist: Fünf Jahre Erfahrung im Wrestling-Ring kann der gebürtige Brandenburger Veit Müller vorweisen. Von Karsten Kretschmer im Nordisch Fight Club trainiert, zeigte sich Müllers Talent schon früh. Ein sehr versierter Catcher im klassischen Stil mit entsprechendem Look und Körper, der mit Power zwischen den Seilen agiert und dabei sowohl durch seine Technik als auch beim wilden Brawlen überzeugt. Ganz ähnliche Attribute weist auch Müllers Team-Partner, der zwei Jahre erfahrenere und derzeit leider verletzte Jan Dietrich (ehemals Scotty Saxxon), auf. Die 80er-Jahre-Matte Dietrichs und das Glam-Rock-Gimmick, mit dem er in der Vergangenheit durch deutsche Hallen tourte, sind inzwischen einer ernsthafteren Attitüde gewichen und auch an seinem Körper hat der ebenfalls von Kretschmer ausgebildete Schleswig-Holsteiner offensichtlich sehr gut gearbeitet. Gemeinsam lehren Müller und Dietrich nun als old-school-iges Haudrauf-Team mit schönen, harten Team-Kombinationen ihre Gegner das Fürchten. Der Name „Die Keiler“ hätte dann auch zutreffender nicht gewählt werden können. Ein Team, von dem ich in Zukunft noch viel mehr sehen will.

Hier noch ein paar Honorable Mentions von Leuten, die ebenfalls einen Blick wert sind, wenn man mal wieder auf Youtube unterwegs ist: Jay Skillet, Julian Pace, Koray, Michael Schenkenberg, Nikita Charisma, Pascal Spalter, TKO.

Letzte Änderung am Mittwoch, 20 Dezember 2017 14:01

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