Fluch oder Segen: Was hat PG in der WWE eigentlich gebracht?

  • 06 Dezember, 2017
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Seit 2008 ist die WWE PG, zählt also nach US-amerikanischen Fernsehmaßstäben als Familienunterhaltung. Neun Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Wenn ich daran denke, was seit 2008 allein in meinem Leben passiert ist, könnte ich eine enorme Vielfalt an Anekdoten bringen. Ich habe in diesem Zeitraum mein Abitur gemacht, habe mein Zivildienst und direkt danach noch ein Auslandsjahr in Frankreich absolviert, geheiratet und sogar zu Ende studiert – Viktoria Juchheirassa.

Jedoch sind „PG“ zwei Buchstaben, die bei Wrestlingfans sofort für übles Bauchgrummeln sorgen und die sinnbildlich für alles zu stehen scheinen, was die WWE in den letzten Jahren alles falsch gemacht hat. Nicht nur fehlten fortan Beleidigungen à la The Rock oder Stone Cold Steve Austin und grenzüberschreitende Charaktere à la DX, nein, Blut hatte fortan aus sämtlichen Sendungen zu verschwinden. Ein Aspekt, den man sich mal auf der Zunge zergehen lassen muss: Bei NXT TakeOver: Dallas öffnet sich bei Samoa Joe in dessen Match gegen Finn Bálor eine Platzwunde. Ein paar Ringärzte versuchen, das in Ordnung zu bringen. Und das erregt den Unmut der Fans, die „PG sucks“ chanten. Irgendwie Weird.

Die Krux liegt darin, dass sich das Wrestling in seiner besten (hier mal ganz grob definiert als: „kommerziell am erfolgreichsten“) Zeit in einer Art und Weise präsentierte, die für die Wrestler alles andere als gesund war. Die Fälle Guerrero und Benoit können hier als Spitze zweier Eisberge gelten, aber das Blading, also das absichtliche Anritzen der Stirn mit Rasierklingen zum Herbeiführen einer Platzwunde, ist heute ebenso verboten wie ungeschützte Stuhlschläge gegen den Kopf, was vor PG bzw. der Causa Benoit, was zeitlich sehr eng beieinander liegt, noch gang und gebe war. Da der Mensch aber tendenziell findet, dass früher alles besser war, wird nun der allgemeine Verlust an Brutalität als bedauerlich beurteilt (man vergleiche dazu aber auch Shane McMahons Sprünge vom Hell-in-a-Cell-Käfig). Nicht, dass das Programm seit der Einführung von PG dadurch „besser“ geworden wäre – was auch immer das heißen mag. Es ist aber definitiv anders geworden.

Sinkendes Wrestling-Interesse nicht mit PG zu begründen

Wer meine PPV-Berichte liest, wird merken, dass ich mit dem Wrestling von heute im Großen und Ganzen recht zufrieden bin. Dennoch macht das Wrestling weltweit gerade eine ziemliche Abwärtskurve durch, die immer steiler zu werden scheint. Mit PG ist das meines Erachtens aber kaum zu begründen: Die WWE steht nun schon seit 16 Jahren als unangefochtener, weltweiter Marktführer dar, während der größte, naja, „Konkurrent“ ständig seinen Namen ändert und schon länger am Existenzminimum rumkrepelt. Darüber hinaus ist es auch schwierig bis unmöglich, immer wieder originellen Content zu produzieren. Allein die WWE produziert mit RAW, SmackDown, NXT und 205Live gleich sieben Stunden Wrestling die Woche (!), dann kommen noch immer so ca. zwei PPVs à drei bis fünf Stunden pro Monat dazu. Dass man da nicht jede Woche mit einem kreativen Geniestreich und immer neu erfundenen Angles aufwarten kann, liegt dabei in der Natur der Sache. Es war dann eben doch alles schon mal da, was meines Erachtens hauptsächlich der Grund ist, weswegen das allgemeine Interesse an Wrestling stetig abnimmt.

Ich will hier PG nicht unbedingt verteidigen, denn die „Früher war alles besser“-Argumentation ist hier durchaus schlüssig. Die letzten wirklich großen Namen, die das Business hervorgebracht hat, sind inzwischen alle im (Halb-)Ruhestand: das letzte Herz ist gebrochen, das Spiel ist fast aus, das Glas wird schon lange nicht mehr zerschmettert, Kochgerüche gibt es nurmehr in Hollywood, und Hut, Mantel und Handschuhe sind abgelegt. Ich kann diese Sehnsucht nach der größten Glanzzeit, die dieses Business je hatte, nur zu gut nachvollziehen, weil ich sie selbst habe. Wrestling ist ein Nischenprodukt mit sich hartnäckig haltenden Vorurteilen. Das wäre ja noch einigermaßen zu ertragen – da können sicher viele Jazzfans, Theaterbesucher oder Kirchgänger auch ein Liedchen von singen – wenn da nicht dieser für viele Wrestlingfans grausame Umstand wäre, dass man diejenigen Wrestler, die die WWE den Fans als große Nummern verkauft, unter keinen Umständen verteidigen will. Es ist schwierig, wirkliche „Superstars“ aufzubauen, die auch mal Auftritte bei anderen Fernsehshows absolvieren können, wenn die Fans des eigenen Produkts sie schon nicht leiden können.

PG ist gut: Mehr Rücksicht auf Gesundheit, weniger Sexismus

Ein Gutes hatte PG allerdings und das ist auch für sämtliche notorische PG-Hater unleugbar: Es hat uns die Women's Division beschert. „Erwachsenenunterhaltung“ hieß eben auch, dass die Mehrzahl der Frauen, die während der Attitude Era im Ring standen, nicht primär Wrestlerinnen, sondern Tittenmäuschen waren. Bis zur Einführung von PG hängt eine Triggerwarnung für Sexismus über der WWE: Viele der „Divas“ (man mag mir noch einmal ausführlich erklären, was an diesem Begriff für eine Sportlerin irgendwie schmeichelhaft sein soll) waren im Playboy zu sehen, die WWE zeigte sich großzügig im Bereitstellen von Mitteln für Brustvergrößerungen und das Wrestling an sich war kaum als solches zu erkennen; stattdessen gab es „Matches“, die aus gegenseitigem Nackigmachen, einer Kostümparty oder einer Kissenschlacht bestanden. Die Einführung von PG sorgte für eine allmähliche Aussortierung des Eye Candys zugunsten einer echten und ernstzunehmenden Women's Division, ohne die wir heute auf viele große Namen wie Bayley, Becky Lynch, Alexa Bliss oder Charlotte Flair verzichten oder sie mit der Lupe in diversen Indie-Promotions suchen müssten.

Letztendlich bin ich tatsächlich der Ansicht, dass das PG-Rating dem Business gut getan hat. Man nimmt mehr Rücksicht auf die Gesundheit der Wrestler und ist von diesem elenden Sexismus weggekommen. Dass das Business momentan aber dennoch an mehreren Stellen krankt, kann ich beim besten Willen nicht bestreiten; die Wurzel allen Übels bei PG zu suchen, halte ich jedoch für zu kurzsichtig und nicht zutreffend. Man schaue sich allein das Wrestling-Jahr 2016 an, in dem ein Fünf-Sterne-Match das nächste jagte (Stichwort: Cruiserweight Classic). PG steht gutem Wrestling also nicht im Weg.

Letzte Änderung am Donnerstag, 07 Dezember 2017 06:16

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