Shane McMahon und die großen Bumps: Wenn das Besondere zur Normalität wird

  • 04 Dezember, 2017
  • geschrieben von  Manfred Reisinger
  • Gelesen 89 mal
  • Artikel bewerten
    (0 Stimmen)

Wer erinnert sich nicht an das legendäre Hell in a Cell Match 1998 zwischen dem Undertaker und Mankind? Mick Foley lässt sich zunächst freiwillig vom Dach des Käfigs durch das Kommentatorenpult werfen, anschließend fliegt er ungewollt durch das Dach des Käfigs, da dieses nach einem Chokeslam nachgibt. Doch warum ist dieses Match bis heute so legendär und immer noch in aller Munde?

In meinen Augen liegt dies vor allem an der Besonderheit der Stürze. Es war das erste Mal, dass ein Wrestler so etwas mit sich machen ließ. An die Premiere erinnert man sich einfach viel besser. Jeder kennt den Astronauten, der als Erster auf dem Mond war – doch wie hieß der Zweite?

Extreme Sprünge haben keinen besonderen Stellenwert mehr

Nicht wesentlich anders ist es beim Wrestling. Selbstverständlich ist nach wie vor jeder Sprung von solch einer Höhe mit enormen Risiken verbunden, daher zolle ich jedem einzelnen Wrestler jede Menge Respekt, sich so etwas überhaupt zu trauen (wenngleich man einen kleinen Dachschaden sicherlich haben muss, so etwas freiwillig zu tun...).

Für mich dient dieser Sprung vom Käfig allerdings dafür, eine Bewegung innerhalb der WWE zu kritisieren, die mir schon seit längerer Zeit negativ auffällt: Solche einst legendären Moves, solche Seltenheiten, Raritäten etc. erlangen heute keinen besonderen Stellenwert mehr. Ein Ei ist gewissermaßen wie das andere und sechs Monate später kann dir niemand mehr sagen, wie die genauen Umstände eigentlich waren, dass jemand vom Käfig oder anderen extremen Höhen gesprungen ist. Es fühlte sich alles gleich an und man verbindet es daher nicht mehr mit einem speziellen Ereignis, da es zur Normalität wurde.

Shane McMahon ist hierfür ein Paradebeispiel. Mittlerweile erwartet doch eigentlich jeder Fan, dass er in seinen Matches von irgendwo runter springt – bei Hell in a Cell Matches eben vom Dach. Und so geschieht es dann eben auch wie bei Hell in a Cell 2017 gegen Kevin Owens. Die Fans, in freudiger Erwartung des abzusehenden Ereignisses zücken bereits ihre Smartphones, um auch ja das beste Bild oder Video zu ergattern. Früher, also im Jahr 1998, hätte dies nie und nimmer passieren können. Und ja, liebe Sherlocks, mir ist bewusst, dass es insbesondere an den noch nicht entwickelten Smartphones scheitert.

Ich meine allerdings vielmehr, dass der Sturz damals derart überraschend kam, da hätte gar keiner sein Smartphone gezückt. Heute hingegen riechst du den Move doch schon kilometerweit gegen den Wind. Wo bleibt da das Unerwartete, wo die Spannung? Und Menschen sprechen nun mal lieber über das Unerwartete. Über die kommende sechste deutsche Meisterschaft von Bayern München in Folge wird kein Hahn krähen. Gelingt es hingegen Schalke 04, sich endlich zum Meister zu krönen, erstmals in der Bundesliga-Geschichte, dies wäre eine Sensation und die Zeitungen voll mit Berichten.

Ist der Bogen nicht langsam überspannt?

Bei Shane McMahon könnte man noch viel mehr schreiben. Etwa über seinen Signature Move (oder ist es gar sein Finisher; wer weiß das schon so genau), den Coast to Coast. Früher ebenso ein absolutes Highlight, heute ein 08/15-Move, der in jedem seiner Matches vorkommt wie anderswo eine Clothesline. Der Move ist zwar nach wie vor schön anzusehen, aber werden die junges Fans am nächsten Tag am Pausenhof sagen: „Hast du das gesehen, der Shane sprang vom Turnbuckle quer durch den Ring und erwischte seinen Gegner mit dem Stuhl im Gesicht?“ Wohl kaum. Denn das hat man in zig Matches von Shane McMahon schon zuvor gesehen, jeder hat das erwartet.

Ganz früher, in den 70ern, oder auch später, war es noch eine Besonderheit, überhaupt eine Aktion vom Turnbuckle zu zeigen. Und damit meine ich jetzt keine 450° Splashes oder eine Shooting Star Press, sondern vielleicht mal eine Flying Clothesline. Dafür wurde man sogar vom Ringrichter angezählt. Heute unvorstellbar, viele werden das gar nicht mehr wissen. Doch wie viele andere Sportarten wurde auch das Wrestling athletischer und schneller, sodass sich insbesondere die Cruisierweights an spektakulären Aktionen stets überbieten wollen. Doch wenn zum Teil gar lebensgefährliche Aktionen zum normalen Repertoire zählen, ist der Bogen dann nicht langsam überspannt?

Letzte Änderung am Dienstag, 05 Dezember 2017 07:20

Meistgelesene Artikel (alltime)

Kalender

« Dezember 2017 »
Mo Di Mi Do Fr Sa So
        1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 31