Ring of Hell - Über München, Benoit & de Maizière

  • 24 Juli, 2016
  • geschrieben von 
  • Gelesen 1177 mal
  • Artikel bewerten
    (0 Stimmen)

Ali S. spielte Counter Strike. Das war nach Ansicht der Medien und des Bundesinnenministers die entscheidende Erkenntnis , die zum Amoklauf des Schülers führte. Wie nach jedem Blutbad beginnt die wahnsinnige, emotionale und kopflose Suche nach dem Schuldigen.

Der Täter wird von Nachbarn als "ruhig, unauffällig, jemand, dem man so etwas nie zutrauen würde" beschrieben. Das klassische Klischee, dem auch der bekannteste Mörder der Wrestlingwelt entsprach: Chris Benoit. Am Wochenende des 22. Juni 2007 brachte er zuerst seine Frau, anschließend seinen Sohn und zu guter Letzt sich selbst um. Benoits Gräueltaten jährten sich dieses Jahr zum 9. Mal.

Anlässlich des Jahrestages brachte Chris Jeicho im Juni einen Podcast mit Benoits Schwägerin heraus, die über die gemeinsame Zeit mit ihm sprach. Zwei Dinge gingen aus diesem Gespräch hervor: Zum einen wurde klar, dass es unmöglich ist, nach so einer Tat diesen einen Schuldfaktor zu finden, über den sich alles erklären lässt - es ist immer ein Cocktail aus vielen, vielen verschiedenen Erfahrungen, falschen Entscheidungen und fehlender Unterstützung von außen.

Zum anderen hat es mich persönlich dazu bewegt, ein Buch in die Hand zu nehmen, welches ich mir vor langer Zeit gekauft, aber nie gelesen hatte: Ring of Hell - The story of Chris Benoit and the fall of the pro wrestling industry. Jenes Buch ist ein Spiegel dessen, was gerade in unseren Medien abläuft.

Es ist auf der Suche nach dem einen Schuldigen und macht von Anfang an deutlich, wen es für den Teufel persönlich hält: Die komplette Wrestlingwelt. Geschrieben wurde das Ganze von Matthew Randazzo - weder Fan, noch Webseiten-Betreiber, sondern Autor, der vorher nichts mit Wrestling am Hut hatte. Und zwei Dinge muss man ihm lassen: Zum einen ist das Buch auch für nicht-Fans sehr gut verständlich, alle Fachbegriffe und Eigenarten werden super erklärt und zum anderen war seine Recherche erste Sahne.

Er versucht zu erklären, wie Benoit zu dem werden konnte, der er geworden ist und beschreibt dabei lebhaft seine Stationen. Als Geschichtsstunde taugt das Buch wunderbar. Es wird auf die Involvierung der Yakuza im japanischen Wrestling eingegangen (was ich selbst nicht wusste), die Eigenarten des Hart Dungeon aufgezeigt (was einem vor Augen führt, dass Bret nach allem was er durchgemacht hat, vielleicht doch nicht so eine weinerliche Bitch ist, sondern nach so einer Kindheit noch ziemlich emotional normal) und auch Geschichten von Benoit selbst erzählt.

Beispielweise, wie er sich nach einem verbotchten Spot mit 500 Kniebeugen selbst bestrafte. Das war Mitte der 90er und zeigte, dass er seinen Beruf wohl immer schon viel zu ernst nahm.

Zugegeben, Stu Hart, die japanische Wrestlingkultur und Benoits großes Vorbild, Dynamite Kid, liefern jede Menge Munition. Aber das ganze Buch ist aus so einem abgrundtiefen Hass geschrieben, ist mit so vielen menschlich entwertenden Adjektiven vollgestopft, dass man nicht nur als Fan das Buch schon während des ersten Kapitels verbrennen möchte, sondern dass es einem teilweise schwer fällt, die Fakten ernst zu nehmen, wenn einem wirklich in jedem Satz die eigene Meinung vorgekaut wird.

Rückblickend muss man sagen: Das Buch ist relativ kurz nach seinem Tod erschienen und klar darauf ausgelegt, Geld zu machen - Sensationsjournalismus eben. Was Meinungsmache angeht, könnte das Ding von jedem x-beliebigen BILD-Redakteur verfasst worden sein (wenn die denn nicht gerade auf ihrem merkwürdigen Wrestlingtrip wären).

So sehr ich Randazzo aber auch niedermachen möchte, eines muss ich ihm lassen: Sein Machwerk beweist allemal mehr Weitblick, als unsere Öffentlichkeit im Falle München. Er sucht den Schuldigen zumindest in Benoit selbst und seinem direkten Umfeld. Was machen wir? Wir lassen uns auf die von oben diktierte 1000. Killerspieldebatte ein. Glaubt irgendjemand ernsthaft, Thomas de Maizière glaubt noch, dass Counter Strike an allem Schuld ist? Wir sind so blöd!

Der Kerl hat einen super PR-Berater und der rät ihm: Zieh' die Heat auf dich! Mach dich zum Bösewicht! Denn die 1000. Killerspiel-Debatte anzufachen hat gleich drei Vorteile: Einmal sind die Leute beschäftigt, dann gibt es keine Debatte über Bildung und Integration, wo es am Ende möglicherweise Druck durch die Öffentlichkeit geben könnte, in entsprechende Ressorts zu investieren und zum dritten ist die Killerspiel-Debatte eine Leere - da sind noch nie echte Konsequenzen draus enstanden und ich wage zu bezweifeln, dass es dieses Mal welche geben wird.

... um auf den Mikrokosmos Wrestling zurück zu kommen: Nach Eddies Tod wurde die Wellsness Policy (Drogentests) eingeführt. Nach Benoits Tod wurde sie verschärft. Sicher ist sie immer noch nicht perfekt (und wird sie vermutlich nie), aber wir machen Fortschritte. Selbst dem viel gescholtenen Verräter CM Punk ist das Wrestling-Business zu großen Dank verpflichtet. Ungeschützte Stuhlschläge sind schon länger verboten, aber seit wann reagiert die WWE wirklich angemessen auf Gehirnerschütterungen? Richtig, seit Punks medienwirksamer Klage...

Und was lernt die echte Welt aus diesen Ereignissen? Wir lassen uns auf ein und dieselbe, leere Debatte ein. Immer und immer wieder. Wir empören uns darüber, wie ein Staatsmann nur so kurzsichtig sein und ein ganzes Kunstgenre für solch eine Tat verantwortlich machen kann. Wir schieben bereitwillig beiseite, dass der Täter u.a. gemobbt wurde und denken nicht im entferntesten darüber nach, was wir selbst im Alltag, manchmal mit ganz banalen Gesten, tun können, um zumindest ein bisschen entgegenzusteuern, dass ein Mensch zum Amokläufer wird.

Es ist die Politik, die etwas tun muss. Denn mit kleinen Schritten anfangen ist mühsam und hat schließlich noch nie zum Erfolg geführt...

Bleibt eigentlich nur noch zu sagen, dass es traurig ist, dass sich die Öffentlichkeit von so einem blutleeren Statement so aufhetzen lässt. Unser Bundesinnenminister ist ein ziemlich schlechter Heel. Schon Altmeister Jake Roberts wusste: Ein Bösewicht weiß tief drinnen, dass seine Worte und Taten gerechtfertigt sind. Insofern ist de Maizière nur der miese Midcarder, der seine vorgescriptete Promo runterrattert. Zum Vergleich kann man nach Amerika schauen: Dort steht Donald Trump im Main Event. In klassischer Wrestling-Manier dreht er vor den Kameras auf und seine Statements kommen zwar für das halbwegs geschulte Auge over the top rüber - aber im Kern glaubt er alles, was er von sich gibt...

Letzte Änderung am Samstag, 09 September 2017 19:18

Kalender

« Oktober 2019 »
Mo Di Mi Do Fr Sa So
  1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31