Schwartz, ungesüßt... #6 - Hell in a Cell Matches (Teil 3)

  • 25 Oktober, 2012
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In einer Wrestling-Ära, in der Gimmick-Matches durch eine regelrechte Inflation keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken, sehnt sich der langjährige Fan in die Zeiten zurück, als die ganz spezielle Art des Kampfes auch wirklich noch etwas Besonderes war. Ich lade euch, liebe Leserinnen und Leser, in der Neuauflage von "Schwartz, ungesüßt..." ein, mit mir auf eine Reise zu gehen. Auf einen Trip zurück in die Jahre, in denen Gimmick-Matches noch nicht zeitlich auf einen x-beliebigen PPV fixiert waren - als diese Fights nicht nur auf dem Papier etwas Außergewöhnliches waren und man große Augen bekam, als sie angekündigt wurden.

Wenn euch jemand fragt, was die krassesten Bumps sind, die ihr je bei World Wrestling Entertainment gesehen habt, werden die jüngeren Leser unter euch, die sich mit den älteren Sachen nicht so sehr befasst haben, vermutlich irgendwas von Jeff Hardy wählen. Alle, die schon länger dabei sind, werden mit großer Wahrscheinlichkeit fast schon darauf konditioniert sein, die spektakulären Stürze von Mankind bei seinem Hell in a Cell Match gegen den Undertaker anzugeben. Und genau dorthin verschlägt uns heute auch unsere Reise, genauer gesagt nach Pittsburgh, PA. Dort fand am 28. Juni 1998 der sechste jährliche King of the Ring statt.


Die Geschichte:

Im Laufe der 90er Jahre bekam der Undertaker so einige Monster vorgesetzt, sei es nun King Kong Bundy, Giant Gonzalez, Mabel oder wie sie sonst noch alle hießen. Die ganzen Fehden und Matches hatten meist eines gemeinsam: sie waren schlecht. Doch dann erschien plötzlich jemand auf der Bildfläche, der eine langjährige beinahe schon epische Fehde mit dem Totengräber der WWE auf die Beine stellte. Die Rivalität mit Mankind zählt für mich bis heute zu den großartigsten Rivalitäten aller Zeiten. Sie brachte diverse bizarre Momente hervor und sorgte für die eine oder andere unvergessliche Schlacht.

Das alles startete am Tag direkt nach WrestleMania XII. Der Undertaker hatte seine Serie gerade auf 5:0 ausgebaut, indem er Diesel – noch so ein Fight zwischen zwei Hünen – besiegt hatte. Bei RAW tauchte ein neuer seltsamer Charakter auf. Dieser, so sollte sich im Laufe der Wochen herausstellen, war ein Ausgestoßener der Gesellschaft, der in Heizungsräumen lebt und sich mit Ratten unterhält. Außerdem hatte er die Eigenheit, sich selbst wie ein Gestörter auf dem Oberschenkel rumzuhacken und sich bei seinem Entrance die Haare büschelweise auszureißen. Offenbar genoss er Schmerzen sehr. Dieser maskierte Jemand war Mankind, der sich gleich eindrucksvoll einführte. Zu gruselig anmutender, klassischer Musik kam er winselnd in die verdunkelte Halle und besiegte Bob Holly, mit der Mandible Claw, einem ganz seltsamen Manöver, bei dem er dem Gegner die Finger in die Fresse schiebt. Am selben Abend bestritt der Undertaker ein Match gegen Justin Hawk Bradshaw, in das Mankind eingriff und sogleich brutal auf den Deadman losging. Dieser 1. April 1996 war der Beginn einer mehr als zweijährigen, bizarren Fehde.


Die kommenden Wochen verbrachte Mankind damit, immer wieder den Undertaker anzugreifen, egal ob backstage oder im Ring. Ein erster Höhepunkt fand bei In your House: Beware of the Dog statt. Das Phenom hatte hier in einem Casket Match die Chance auf den Intercontinental Title von Goldust. Doch als er den Sarg öffnete lag darin sein neuer schlimmster Alptraum, der die Mandible Claw ansetzte und ihn damit das Match kostete. Natürlich war auch der Undertaker schon damals kein Kind von Traurigkeit und Mind Games beherrschte er schon immer wie kein anderer. Als nämlich der Sarg, in der er gerade verfrachtet worden war, wieder geöffnet wurde, war niemand mehr drin.

Die diversen Scharmützel führten zum ersten offiziellen Match der beiden beim King of the Ring 1996. Es waren ziemlich harte 18 Minuten und Mankind genoss es teilweise sichtlich, Prügel zu beziehen. Als der Undertaker auf die Siegerstraße einbiegen wollte, setzte sein Gegner während des Versuchs zum Tombstone die Mandible Claw an. Paul Bearer, damals noch Manager des Undertaker, versuchte ihn mit einem Urnenschlag zu retten, traf aber seinen Schützling. Der maskierte gestörte setzte ein weiteres Mal seinen Finisher an und der Undertaker verlor tatsächlich das Bewusstsein. Das hatte noch keiner geschafft, hier wuchs eine echte Gefahr heran.

Das zeigte sich auch bei den unzähligen Brawls, die sich beide Monster an unterschiedlichen Orten immer wieder lieferten. Der Hass war förmlich greifbar und ich erinnere mich, wie ich damals als 13-Jähriger jedes einzelne Segment mit Genuss und Faszination verschlungen habe. Man darf nämlich nicht vergessen, dass Mankind auch geniale Promos abliefern konnte, die durch sein Erscheinungsbild und das Quieken regelrecht unheimliche Züge annahmen. Jede Woche wartete ich auf Neuigkeiten, saß gebannt vor dem Fernseher, wann die Freaks sich endlich wieder bekämpfen. Dies alles führte schließlich zum zweiten Aufeinandertreffen  der beiden beim SummerSlam am 18. August 1996. Der Boiler Room Brawl dürfte eines dieser Matches sein, das sich einem irgendwie unauslöschlich ins Gedächtnis brennt. Es war brutal mit diversen heftigen Bumps auf den Betonboden und hatte eine total unvorhersehbare Wendung zu bieten. Das Ziel des Kampfes war es, Paul Bearer zu finden, und von ihm die Urne überreicht zu bekommen. Der Undertaker war als Erster bei seinem Manager, doch der weigerte sich, ihm die Urne zu geben. Stattdessen zog er ihm das Teil über den Schädel und händigte es Mankind aus. Ein perfekter Turn, den wohl die Wenigsten erwartet hatten. Der Undertaker bekam einen neuerlichen gruseligen Abgang, als die Druiden ihren geschlagenen und leblosen Meister davontrugen.


Der Deadman wäre aber nicht der Deadman, wenn er sich so einfach abschütteln lassen würde. Natürlich initiierte er seine Kopfspielchen, um Mankind noch mehr in den Wahnsinn zu treiben. Eines davon beinhaltete, dass er sich bei In your House: Mind Games am 22. November 1996 im Sarg des Casket Matches Mankind vs. Shawn Michaels befand. Das Phenom drehte den Spieß um und verschaffte Mankind eine Niederlage.

So trafen die Dauerrivalen ein weiteres Mal aufeinander. Schauplatz des ersten Buried Alive Matches in der Geschichte sollte In your House: Buried Alive am 20.Oktober 1996 sein. Noch so ein hartes Ding, doch dieses Mal triumphierte der Undertaker. Nunja, zumindest gewann er den Kampf, moralischer Sieger war aber erneut Mankind. Denn mit der Hilfe vom neu auftauchenden Executioner – was für ein dämliches Gimmick – Triple H, Crush und Justin Hawn Bradshaw beerdigte er seinen Kontrahenten unter immensen Massen von Schutt. Los war er den Totengräber von WWE damit aber nicht, denn just als alle dachten, das sei dessen Ende, schlug ein Blitz im Grab ein und die Hand des Undertakers schoss aus der Erde empor. Wow, was für eine Szene, die Fehde wurde einfach nicht langweilig.

Die Mindgames gingen weiter und mit ihnen auch die Serie von brutalen Matches, das nächste bei der Survivor Series am 17. November. Es gab keine besondere Stipulation, aber Paul Bearer hing in einem Käfig über dem Ring, um nicht eingreifen zu können. So gelang es dem Taker, eine weitere Schlacht für sich zu entscheiden, der Tombstone brachte die Entscheidung. Nachdem sich der Deadman noch ein bisschen mit dem erneut attackierenden Executioner gebalgt hatte und diesen auch in einem offiziellen Match besiegte, war die Fehde zunächst einmal auf Eis gelegt.


Allerdings nur, bis sich der Undertaker bei WrestleMania XIII den WWE Championship sicherte. Mankind hatte seinen Fokus auf das Gold gelegt und dazu musste er sich erneut mit dem Undertaker anlegen. Sogar mit einem Feuerball griff er diesen im Laufe der Wochen an. Am 20.Apri 1997 gab es also bei In your House: Revenge of the Taker das inzwischen fünfte Aufeinandertreffen. Nach intensiven 17 Minuten war es wieder einmal der Tombstone, der die Entscheidung herbeiführte. Der Deadman revanchierte sich außerdem, indem er Paul Bearer einen Feuerball ins Gesicht warf – der Beginn der Kane-Saga. Das Phenom verlor seinen WWE Title später an Bret Hart und legte sich mit Shawn Michaels an, bis eben jener Kane auftauchte und eine weitere Monsterfehde gestartet werden konnte, die der hier besprochenen in Sachen bizarre Szenen in nichts nachstand. Mick Foley wurde irgendwann zu Dude Love und Cactus Jack, turnte Face und wieder zurück. Es sah also so aus, als wäre die epische Rivalität zwischen Mankind und dem Undertaker endgültig beendet.
Ein letztes, unvergessliches Mal wurde sie aber mehr als ein Jahr später wiederbelebt.

Wie ich schon in #5 von „Schwartz, ungesüßt…“ etwas ausführlicher geschildert habe, kehrte Mankind zurück, weil der Undertaker schuld war, dass Dude Love ein Match um den WWE Championship gegen Steve Austin verloren hatte.  Mankind wurde wiedergeboren und kostete den Totengräber ein No.1 Contender Match. Der Undertaker wiederum revanchierte sich, indem er Paul Bearer in dessen Haus übel vermöbelte. Für Mankind, der sich über die hinterhältige Attacke gegen seinen wehrlosen Uncle Paul beschwerte, war somit erneut Schluss mit lustig. In einer feinen Promo forderte er den Taker heraus, sich ein weiteres Mal mit ihm zu duellieren – bei einem Hell in a Cell Match.


Das Match:

Hell in a Cell Match
The Undertaker vs. Mankind

Mankind durfte als erster Kontrahent zum Ring kommen. Er ging in die Zelle, kam aber wieder raus, warf einen Stuhl auf das Dach und kletterte hinterher. Da hat wohl einer die Regeln falsch verstanden. Auch Jerry Lawler fragte sich, was das jetzt soll und Jim Ross antwortete ihm, dass Mankind nicht logisch denke, sondern eher eine Therapie benötige. So kann man es sich natürlich auch hindrehen, wenn beim Wrestling was Dummes passiert. Abseits des Kayfabe gibt es dafür aber eine ganz simple Erklärung, die Mick Foley selbst geliefert hat. Eine Woche vor dem Match hat er gemeinsam mit seinem Kumpel Terry Funk darüber gehirnt, wie man das erste Hell in a Cell noch toppen bzw. dessen Standard aufrechterhalten kann. Funk äußerte daraufhin die Idee: „Cactus, I think you oughta start the match on top oft he cell.“ Zwar lachten beide daraufhin, aber Terry gab Mick zu verstehen, dass er es ernst meint. Gesagt getan, Mankind stand also da in mehr als fünf Metern Höhe, als auch der Undertaker zum Ring schritt. Nach einer herrlichen Kameraeinstellung, die ihn in der Dunkelheit vor dem Käfig mit Mankind oben drauf zeigte, kletterte der Deadman kurzerhand hinterher. Was für ihn im Übrigen gar nicht so einfach war, da er sich vor dem Match den Fuß gebrochen hatte und mit dieser Verletzung antrat.


Oben setzte es zwei Chairshots von Mankind und als beide sich so über das Dach bewegten, brachen sie fast durch selbiges hindurch. Nach einem kurzen Brawl passierte schon diese eine  Szene, die in die Geschichtsbücher eingehen und Hell in a Cell für immer definieren sollte. Der Undertaker packte sich seinen Gegner am Nacken und warf ihn einfach runter durch das spanische Kommentatorenpult. In der Live-Einstellung sah man den Aufprall gar nicht, nur den Absprung. Das wurde dafür in unzähligen Zeitlupen nachgeholt. Die Szene wurde noch intensiviert durch den unglaublich authentischen Kommentar von Jim Ross. „Good god almighty, good god almighty! They killed him!“ und „As god is my witness, he is broken in half“, wurden später in Highlight-Videos mehrfach verwendet und jeder Fan dürfte sie schon einmal gehört haben. Das war wohl einer der heftigsten Spots, die je bei World Wrestling Entertainment gezeigt wurden und natürlich forderte er Opfer. Mediziner und Offizielle kamen sofort zum Ring, damit sie sich um Mick Foley kümmern können. Sogar der Käfig mit dem Undertaker noch oben drauf wurde hochgezogen, damit eine Trage zum Ring gerollt werden kann. Jerry Lawler bewies mal wieder, dass er manchmal ganz böse Aussetzer in seiner Denkleistung hat, als er brüllte. „Look out! Is he gonna jump down here?“ Klar King, das Phenom springt bestimmt direkt hinterher, nachdem er gesehen hat, was der Sturz mit seinem Gegner angerichtet hat. So wurde Mankind also vorerst den Gang entlang gekarrt. Wie wir alle wissen, hatte er aber noch nicht genug.


Er stand nämlich einfach auf, humpelte wieder zum Ring und machte sich lachend daran, gleich wieder auf den Käfig zu klettern. Kranker Kerl! Dort wieder hochzukommen, bereitete ihm einige Schwierigkeiten, denn er hatte sich bei dem Sturz die Schulter ausgekugelt. Der Undertaker schaute verdutzt und machte sich an die Verfolgung. Oben angekommen folgte gleich der nächste brutale Spot. Der Undertaker verpasste Mankind einen Chokeslam, woraufhin dieser auf heftigste Art und Weise durch den Maschendraht stürzte und krachend im Ring aufschlug. Mark Callaway hat später in einem Gespräch mit Mick Foley zugegeben, dass er in diesem Moment dachte, er hätte ihn gerade eben getötet. So ähnlich reagierte auch Lawler, der lapidar anmerkte: „That’s it, he’s dead.“. J.R. hingegen wurde noch emotionaler: „Will somebody stop the damn match? Enough is Enough!“ Ein weiteres legendäres Zitat von Ross. Lange Zeit rankten sich Gerüchte um diese Szene. Die Einen zollten Foley Respekt dafür, dass er sich sowas Verrücktes ausdenkt und dann auch tatsächlich durchzieht. Die Anderen behaupteten, es sei natürlich nicht geplant gewesen, dass das Käfigdach aufbricht. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, wie Terry Funk inzwischen in seiner Biografie aufgeklärt hat. Der Sturz durch den Maschendraht in den Ring war geplant, aber nicht so. Es war angedacht, dass die Parzelle erst einmal den Fall durch den Chokeslam abfedert. Dann sollte dieser Abschnitt langsam einsinken, bis Mankind schließlich in den Ring kracht. Die Aufprallgeschwindigkeit wäre dabei natürlich um ein Vielfaches geringer gewesen, der Stunt damit deutlich sicherer. Der Techniker, der den Käfig für die Sequenz präparierte, ging jedoch schlampig vor und so kam es, wie es kam.

Gleich waren wieder etliche Leute bei Mankind, um diesen durchzuchecken. Mick Foley war zu diesem Zeitpunkt für mehrere Augenblick bewusstlos und wusste auch nach dem Aufwachen erst einmal nicht so richtig, wo er war. In seiner Autobiographie räumt er sogar ein, dass er sich den Kampf noch einmal anschauen musste, um sich überhaupt daran zu erinnern, was eigentlich passiert war. Nach dem zweiten spektakulären Bump hing da so etwas Weißes in seiner Nase. Ich erinnere mich, dass ich damals wirklich gedacht habe, die hätten ihm halt ein Tempo in die Nase gestopft, um die Blutung zu stoppen. Aber nix da, das weiße Ding war ein Zahn, den es durch die Oberlippe in die Nase geschoben hatte. Daher blutete die Lippe auch so kräftig. Hervorgerufen wurde das alles durch den Stuhl, der beim Chokeslam noch auf der aufbrechenden Käfigparzelle lag, mit in den Ring fiel und dabei Foley unglücklich die Zähne ausschlug.


Wie er also so da lag und langsam wieder zu sich kam, betrat auch der Undertaker durch das nun aufgebrochene Dach den Ring. Dass sein gebrochener Fuß dabei ordentlich schmerzte, kann man daran erkennen, dass er beim Auftreten beinahe einknickt und zudem das Gesicht verzieht. Mankind brauchte noch ein bisschen Zeit und es würde nicht zum gnadenlosen Deadman passen, zu warten, bis er sich erholt hat. Deshalb galt es zu improvisieren. Dafür war Terry Funk zuständig, der ebenfalls als Helfer in den Ring gekommen war, und nun spontan eine Absprache mit dem Undertaker anstrebte. Das Phenom verkloppte Funk ein bisschen und verpasste ihm ebenfalls einen Chokeslam bei dem es Terry sogar die Schuhe auszog. Mankind war nun soweit erholt, dass es tatsächlich weitergehen konnte.

Der Undertaker ging für Oldschool auf den Turnbuckle, aber Mankind ließ sich in die Seile fallen, so dass sein Rivale unsanft auf selbigen landete. Bei einem Closeup auf sein Gesicht lächelte Mick Foley schon wieder, was dem ganzen Szenario eine bizarre Note gab. Er blutete, ein eigener Zahn steckte in seiner Nase und der linke Arm hing nur noch schlaff am Körper runter – aber der Typ lächelte. Der Deadman erholte sich schnell wieder und ließ die Stahltreppe auf Mankinds ausgekugelte Schulter sausen. Autsch. Doch auch der Mann mit der Maske zeigte erneut Nehmerqualitäten und ging in die Offensive. Dabei brachte er seinen Kontrahenten sogar zum bluten, indem er ihn gegen die Zelle beförderte. Seinen typischen Piledriver zog Mankind auf einen Stuhl durch, den er dem Phenom kurz darauf noch per Leg Drop ins Gesicht rammte. Die Fans wirkten immer noch geschockt von dem, was sie da gerade als Zeuge live vor Ort erlebt hatten. Und dann packte Mankind auch noch einen Sack mit Reißnägeln aus. Unglaublich.


Bevor die Thumbtacks aber zum Einsatz kamen, setzte er die Mandible Claw an. Für mich übrigens einer der dümmsten Finisher aller Zeiten. Real gesehen müsste man ihm einfach hart in die Finger beißen und er wäre gezwungen, den Griff sofort zu lösen. Der Undertaker befreite sich auf andere Weise. Er lupfte Foley auf seinen Rücken und ließ diesen gnadenlos per Back Drop rückwärts in die Reißnägel knallen. Ich frage mich echt, wieviele Schmerzen ein einzelner Mensch in weniger als einer Viertelstunde aushalten kann. Als ob das noch nicht genug gewesen wäre, gab es gleich noch einen Chokeslam in die Reißnägel hinterher. Nach dem Tombstone auf die Matte war die Schlacht dann auch endlich vorbei, der Undertaker hatte gesiegt und machte sich nach einer kurzen Feier auf den Weg in den Backstage-Bereich.

Im Ring sollte wieder die Trage zum Einsatz kommen. Mick lag auch schon auf dieser drauf, als er anfing, sich mit Referee Mike Chioda zu unterhalten. Er fragte ihn, ob er sich heute denn nicht schon einmal auf so einem Ding befunden habe, was Chioda bejahte. Für Foley war klar, dass er nicht zwei Mal an einem Abend einen Stretcher Job machen kann, das verbot ihm sein Ehrgefühl. Also stand er tatsächlich auf und ließ sich gestützt aus der Halle begleiten, wofür ihn die Fans mit Standing Ovations und großem Jubel bedachten. Im Backstage-Bereich angekommen wurde er gemeinsam mit dem Undertaker versorgt und fragte diesen: „Habe ich eigentlich auch Reißnägel benutzt?“ Der Deadman schaute ihn nur mit großen Augen an und zeigte auf Foleys Schulter, in der noch 20 bis 30 von diesen kleinen, spitzen Dingern drinsteckte. Mick selbst kann sich an diese ganzen Konversationen, die er in seiner Autobiographie schildert, nicht mehr erinnern. Man musste ihm das alles nacherzählen.

Die renommierte Pro Wrestling Illustrated wählte dieses Hell in a Cell im Nachgang zum Match des Jahres 1998. Für viele Fans stellt es immer noch das beste HiaC aller Zeiten da. Andere kritisierten die Schlacht wegen der viel zu übertriebenen Spots, die zudem die Latte für spätere Athleten sehr hoch legten. Außerdem sei die Gefahr viel zu groß, dass man sich ernsthaften Schaden zufügt, wenn man versucht, das noch zu toppen.  Ich persönlich muss sagen, dass ich die Bumps an sich schon unheimlich spektakulär finde, wenn ich sie mir mal wieder anschaue. Mir steht immer noch der Mund offen, obwohl ich sie schon kenne.  Viel mehr als diese krassen Stürze war da aber nicht, es gab durch die Pausen viel Leerlauf, ein Match des Jahres oder gar das beste Hell in a Cell aller Zeiten ist das für mich garantiert nicht. Nicht einmal annähernd. Auch bei dem Vorhaben, die Fans so spektakulär wie möglich zu unterhalten, muss es Grenzen geben. Das mag bieder klingen, aber für Foley hätte das noch viel schlimmer ausgehen können. Zählen wir doch einmal auf: eineinhalb ausgeschlagene Zähne, 14 Stiche um die Oberlippe zu nähen, eine starke Gehirnerschütterung, ein ausgerenkter Kiefer, innere Verletzungen an der Niere und eine ausgekugelte Schulter waren der Preis für Mick Foley, um das Publikum 17 Minuten lang zu unterhalten. Seine Ehefrau hatte nach dem Match einen Schock und weinte am Telefon, woraufhin Foley ernsthaft überlegte, die Wrestlingstiefel an den Nagel zu hängen. Sogar Vince McMahon suchte nach dem Kampf ein Gespräch, bedankte sich dafür, dass Mick sowas für das Unternehmen getan hatte, rang ihm aber das Versprechen ab, etwas Ähnliches nie wieder zu tun. Trotz allem ist es eines der am meisten diskutierten Matches aller Zeiten und ein Klassiker, den jeder, der sich für Wrestling-Geschichte und ihre prägenden Momente interessiert, einmal gesehen haben muss.


And the Winner is...

"Holy Shit"-Award:

  • Der Undertaker wirft Mankind von dem mehr als fünf Meter hohen Käfig mit Schwung durch das Kommentatorenpult der Spanier, Jim Ross dreht dabei fast durch.
  • Der Deadman verpasst seinem Gegner einen Chokeslam auf dem Zellendach. Dieses bricht durch und Mick Foley stürzt ungebremst mit voller Wucht in den Ring. J.R. brüllt wütend in sein Headset, das man das Match abbrechen muss.
  • Mankind packt die Reißnägel aus, wird aber selbst Opfer eines Chokeslams genau in die spitzen, kleinen Dinger, nachdem er zuvor schon per Back Drop Bekanntschaft mit den Thumbtacks gemacht hatte.

 

"What the fuck?!"-Award:

  • Jerry Lawler glaubt nach dem ersten spektakulären Sturz von Mankind, dass der Undertaker gleich hinterher springt.
  • Eineinhalb ausgeschlagene Zähne (einer davon steckt gut sichtbar in der Nase), 14 Stiche in der blutenden Oberlippe, Gehirnerschütterung, ausgerenkter Kiefer, ausgekugelte Schulter, innere Verletzungen an der Niere - spektakuläre Bumps sind schön und gut, aber das geht zu weit.

 

Ausgabe sechs dieser Kolumne hat euch damit einen echten Klassiker, der Maßstäbe gesetzt hat, noch einmal nähergebracht. Ich hoffe, das Lesen hat euch ein bisschen Spaß bereitet. Über Feedback an meine Email-Adresse Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder in unserem wunderbaren Forum würde ich mich sehr freuen. Ansonsten bis zum nächsten Mal, wenn sich erneut der Undertaker in den Käfig begibt.

Letzte Änderung am Donnerstag, 30 Juni 2016 22:28

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