20 Shades of Red oder: 20 Jahre Kane in der WWE

  • 05 Oktober, 2017
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Die Geschichte von Kane ist eine, die schon vor sehr langer Zeit hätte zu Ende sein müssen. Ist sie aber nicht, weil sie gleichzeitig die Geschichte eines wandelbaren Unterschätzten ist, der aus Misserfolgen lernte und aus Feuer Gold schmiedete. Heute vor 20 Jahren hatte Kane seinen ersten Auftritt in der WWE.

Die Geschichte von Kane beginnt mit Dunkelheit. Mit Dunkelheit und Feuer. Es ist der 5. Oktober 1997, die WWE, damals noch WWF, ist mit In Your House 18: Badd Blood im Kiel Center von St. Louis, Missouri, zu Gast. Im Main Event der Show liefern sich Shawn Michaels und der Undertaker mit dem ersten Hell in a Cell Match eines der besten Gefechte der Wrestling-Geschichte.

Der Undertaker hatte einen blutigen Shawn Michaels bereits vom Käfig durch einen Kommentatorentisch geschleudert, er hatte ihm einen Chokeslam von der Ringecke verpasst, als Nächstes wollte er dem Match mit dem Tombstone Piledriver ein Ende setzen. Doch mit einem Mal wird es in der Arena zappenduster.

Als rotes Licht Sekunden später die Dunkelheit verdrängt, verlagert sich die Aufmerksamkeit zum Entrance-Bereich. Ein 2,10-Meter-Koloss in schwarz-rotem Ganzkörperanzug und langer schwarzer Mähne schreitet zu düsteren Orgelklängen die Rampe Richtung Ring hinunter, hinter ihm steigt Feuer auf. Eine Regung auf dem Gesicht des Mannes erkennt man nicht, denn er trägt eine Maske.

„That's gotta be Kane“, ruft Kommentator Vince McMahon den Fernsehzuschauern zu, bevor das Monster von einem Mann, das von Paul Bearer begleitet wird, die Tür des Hell-in-a-Cell-Käfigs aus den Angeln reißt, den Ring entert und sich vor dem Undertaker aufbäumt. Mit einer Armbewegung befiehlt er die Explosion von Feuer-Fontänen aus den Ringpfosten.

Dann tritt er dem Undertaker in die Magengrube, hebt ihn kopfüber aus und lässt ihn mit einem Tombstone Piledriver auf die Matte krachen. Shawn Michaels robbt sich ins Cover – 1, 2, 3. Der Undertaker war geschlagen. Und Kane? Der hatte eines der imposantesten Debüts der WWE-Geschichte hingelegt.

Glenn Jacobs war Misserfolge gewöhnt – dann kam Kane

Ein bisschen dick aufgetragen, würde man vielleicht aus heutiger Sicht sagen. Aber das war noch nichts im Vergleich zur grotesken Horrorgeschichte, die die WWE-Verantwortlichen um Kane und den Undertaker sponnen. Kane war nicht weniger als der totgeglaubte Bruder der Undertakers, der wiederum als Kind mit Feuer spielte und das Elternhaus, das gleichzeitig das Bestattungsunternehmen des Vaters war, in Brand steckte. Kane überlebte das Feuer, wie Paul Bearer kurz vor Badd Blood enthüllte, und trifft 20 Jahre später ausgerechnet im Wrestling-Ring wieder auf den Undertaker, um sich zu rächen. Puh.

Das war die WWE im Jahr 1997, irgendwo an der Grenze des frühen Kitsches, aus dem noch der Undertaker entstanden war, der rauen Erwachsenenunterhaltung, die in der Attitude Era dominieren sollte, und einem C-Horror-Movie, das kein Studio drehen wollte. Die Dunkelheit, aus der Kane bei Badd Blood kam, war gleichzeitig ein gutes Sinnbild für die Karriere des Wrestlers Glenn Jacobs: Er steckte seit Jahren in der tiefsten Booking-Hölle. Sollte jetzt wirklich dieses Gimmick seinen Durchbruch bringen?

Jacobs war Misserfolge ja schon gewöhnt. Der Sohn eines Soldaten, 1967 in Spanien geboren, hatte in seiner Jugend von einer Basketball-Karriere geträumt. Groß genug war er, gut genug wahrscheinlich auch. Doch nach einem Bänderriss im Knöchel war der Traum aus. Er fing an, Gewichte zu stemmen, baute ordentlich Masse auf und wurde vom Football-Coach seiner Uni abgeworben. Die Chicago Bears hatten Jacobs bald auf dem Zettel – bis ihm eine schwere Knieverletzung auch durch diese Karriere einen Strich machte.

Kane 1

„Ich war am Boden zerstört“, erinnert sich Jacobs Jahre später. „Ich hatte schon die Fingerspitzen an meinem Traum, aber ich konnte ihn nicht greifen.“ Dann gab er dem Wrestling eine Chance, ließ sich trainieren, feierte 1992 sein Debüt. Jacobs ging den harten Weg, den man als Wrestler gehen musste, wurde für manche Auftritte mit nichts mehr als ein paar Zwei-für-eins-Gutscheinen von Burger King entlohnt. „Aber ich habe es geliebt“, sagt Jacobs.

So sehr, dass ihm auch die kuriosesten Charaktere, die er verkörpern sollte, seine Leidenschaft nicht nehmen konnten. Seine Gimmicks hießen Unabomb und Doomsday, in der United States Wrestling Association (USWA) verkörperte er auch einen Grinch im Weihnachtsbaum-Kostüm, der als Christmas Creature sein Unwesen trieb. Über Stationen in Puerto Rico und Smokey Mountain Wrestling und trotz aller hirnrissigen Promoter-Ideen wurde die WWE auf Jacobs aufmerksam, nahm ihn unter Vertrag – und schockte ihn mit dem nächsten Charakter-Chaos. Unrühmlicher Höhepunkt: die Rolle als Isaac Yankem, ein grausamer Zahnarzt.

„Niemand konnte das ernst nehmen. Ich selbst konnte das nicht mal ernst nehmen“, blickt Jacobs zurück. „Ich dachte, das wäre das Ende meiner WWE-Karriere.“ Aber er biss sich durch das schwere halbe Jahr von Mitte 1995 bis Anfang 1996, ehe die WWE ein Einsehen hatte und das Gimmick einmottete. Auch das folgende Jahr als „Fake Diesel“ war für Jacobs ein verlorenes.

Kane: Anfangszeit die beste Phase meiner Karriere

Und dann kam Kane. Die Rolle als vermeintlich im Feuer verbrannter, psychotischer Bruder des Undertakers. Was auch nicht gerade nach Dauerlösung klang, wurde für Jacobs die Rolle seines Lebens. Die Fehde mit dem Undertaker trug Kane zu einem vielbeachteten Match gegen den Deadman bei WrestleMania XIV. Danach war die wirre, aber irgendwie doch unterhaltsame Story zwar vorerst beendet, Kane aber blieb.

Mehr noch: Nur wenige Monate später, bei King of the Ring 1998, gewann Kane in einem First Blood Match zum ersten und einzigen Mal in seiner Karriere die WWE Championship. Nicht nur ein riesiger persönlicher Erfolg, sondern vor allem ein immenser Vertrauensbeweis der WWE. Denn sein Gegner hieß Stone Cold Steve Austin, und der war im Begriff, der größte Wrestling-Superstar aller Zeiten zu werden. „Das war sehr befriedigend und sehr süß“, sagt Jacobs im Interview mit „Gorilla Position“. Den Titel behielt Kane zwar gerade mal einen einzigen Tag, die Anfangszeit als Kane im Morgengrauen der Attitude Era war für ihn trotzdem die beste Phase seiner Karriere. Jacobs: „Das war wirklich eine phänomenale Zeit.“

Die beste Zeit seiner Karriere – aber nur der Anfang. Kane war ein fester Bestandteil des Rosters, entwickelte sich zum Mr. Zuverlässig der WWE. Wenn er auch über die Jahre weitere unendliche Idiotien mitmachen musste. Er setzte die „Gräber seiner Eltern“ in Brand, er zündete Jim Ross und den Undertaker an und wahrscheinlich noch einige andere mehr, fiel selbst in einen brennenden Container, er verbrutzelte die Kronjuwelen von Shane McMahon mit Strom und hatte angeblich Sex mit einer Leiche. Was man halt als Monster in 20 Jahren WWE so mitmacht.

Das Geheimnis der Langlebigkeit seines Gimmicks sieht Glenn Jacobs in seiner Wandelbarkeit. „Ich bin immer in der Lage, mich neu zu erfinden und andere Sachen zu machen“, sagt er. „Ich bin sehr flexibel.“ Und so schliff er seinen Charakter über Jahre. Erst lernte die Big Red Machine sprechen, 2003 setzte sie die Maske ab, zeigte sich zwar ohne Brandnarben, dafür mit Glatze und farbigen Kontaktlinsen. Eine Zäsur in Kanes Karriere.

„Die Leute fragen mich immer, wessen Entscheidung es war, die Maske abzusetzen“, berichtet Jacobs. „Das waren Vince [McMahon, d. Red.] und ich. Und die einzigen Leute, die überzeugt waren, dass es eine gute Idee war, waren Vince und ich.“ Für Kane aber war die Maske ein Handicap geworden, an dem er sich abgearbeitet hatte. Mit seinem Gesicht konnte er seinen Geschichten neue Tiefe verleihen. Tatsächlich erwies sich Kane schauspielerisch als gut genug, dass die WWE ihn als Hauptrolle im Horrorfilm „See No Evil“ besetzte, dem ersten großen Film von WWE Studios.

In seiner Ring-Karriere arbeitete Kane als Heel und als Face, als Singles-Wrestler und Tag-Team-Partner, mal mit dem Undertaker, mal gegen ihn. Der muskulöse Hüne wrestlete zwar nicht gerade den aufregendsten Stil – sondern einen Stil, der ihn weitgehend verletzungsfrei hielt –, konnte aber im Ring so ziemlich alles: Matches gegen Super Heavyweights wie gegen Cruiserweights, Hardcore Matches wie Ladder Matches. Kane war ein Universalgenie der WWE. Das brachte ihm im Laufe der Jahre haufenweise Gold. 18 Titel stehen in seiner WWE-Biografie zu Buche. Kaum einer hat mehr.

Bescheiden in einer Ego-Branche: Kane lässt andere glänzen

Unter seinen Erfolgen waren zwar zwölf Tag-Team-Titel, und neben der eintägigen Regentschaft als WWE Champion kam nur ein Übergangs-Run als World Heavyweight Champion im Jahr 2010 als wirklich großer Triumph hinzu – aber Kane war keiner, der in der ersten Reihe stehen musste. Kane blieb bescheiden in einer Ego-Branche, war einer, der andere gut aussehen ließ, entwickelte sich zu einem sympathischen, demütigen Anführer hinter den Kulissen. WWE Hall of Famer Edge ehrte Kane in seinem Podcast kürzlich als „Klebstoff“ der WWE: „Du bist einer derjenigen, der alle Teile zusammenhält.“

In seinem Karriereherbst, als der Gruselfaktor sowieso längst dahin war, schlug Kane noch einmal einen ganz anderen Weg ein. An der Seite des zwei Köpfe kleineren Daniel Bryan überraschte er im Team Hell No als Comedy-Act. „Es hat fantastisch funktioniert“, freut sich Jacobs. Dass er zu der Zeit wieder mit Maske auftrat, machte die Segmente des ungleichen Duos nur noch witziger. Jacobs: „Es war wirklich gut für uns beide.“ Denn nicht zuletzt durch ungeahnte Entertainer-Qualitäten öffnete sich für Bryan, ein anderes unterschätztes Multitalent, der Weg in den Main Event.

Jacobs bisher letzte Neuerfindung war die des Corporate Kane. Der „Devil's Favourite Demon“ trat seit Sommer 2014 mit Anzug und Krawatte auf und erledigte die Drecksarbeit für das Heel-Stable der „Authority“. Nie war ein Kane-Charakter näher an der Realität: Denn Kane war neben dem Wrestling längst zum Nadelstreifenträger geworden, leitet seit Jahren gemeinsam mit seiner Frau eine Versicherungsagentur.

Und wenn es für Kane läuft, wie er sich das wünscht, dann wird er bald nur noch im Anzug vor die Öffentlichkeit treten. Der 50-Jährige will Bürgermeister werden. Er kandidiert als Mayor of Knox County, der Region um seinen Lebensmittelpunkt Knoxville, Tennessee. Wie das noch mit Wrestling zusammengeht? Gar nicht.

Im kompletten Jahr 2017 ist Kane nicht für die WWE aufgetreten, sein letztes Match ist zehn Monate her, es sieht nach einem stillen Abschied vom Wrestling-Ring aus. Ohne letzten Run an der Spitze, ohne großes Abschieds-Match, also vermutlich ganz im Sinne des bescheidenen roten Monsters. Aber zumindest einen großen Auftritt wird Kane noch haben: seine unausweichliche Aufnahme in die WWE Hall of Fame. Dann darf es gerne ein Abschied werden, der Kanes Debüt in nichts nachsteht. Dafür braucht eigentlich nur eines: Feuer.

Letzte Änderung am Donnerstag, 05 Oktober 2017 16:38

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