Hall of History: Die Geburt von Austin 3:16...

  • 23 Juni, 2016
  • geschrieben von  Thomas Hippel
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...oder: Wie Stone Cold Steve Austin heute vor genau 20 Jahren die Attitude Era einläutete.
 
Wir schreiben das Jahr 1996, es ist der 23. Juni. Stone Cold Steve Austin hat gerade das King of the Ring Tournament gewonnen. Im Finale ließ der Texaner einem angeschlagenen Jake „the Snake“ Roberts nicht den Hauch einer Chance. Der Aufstieg Austins an die Spitze der damaligen WWF begann hier an diesem Abend.

Doch war es weniger der Triumph an sich, der Austin – der in der WCW lange Zeit nicht geschätzt wurde und der auch im Land der Titanen bis zu besagtem PPV nur ein Midcarder war – plötzlich auf die Road Richtung Main Event katapultierte. Vielmehr war es die anschließende Promo Austins, die nicht nur seine eigene Legacy begründete, sondern gewissermaßen sogar den Beginn einer der erfolgreichsten Epochen der WWE-Geschichte markierte, der viel umjubelten Attitude Era.

Austin 3:16 says…

Während ein sichtlich gezeichneter Jake Roberts vom medizinischen Personal aus der Halle geführt wurde, erklomm Austin die Stufen zum Thron des Königs, wo ihn Dok Hendrix (Michael Hayes) zum vierten King of the Ring ausrief. Dann hielt Stone Cold seine berühmte Rede, in der er zum einen seinen Standpunkt perfekt zusammenfasste und zum anderen seine Catchphrases, die in den folgenden Jahren jedem Wrestling-Fan geläufig werden sollten, erstmalig auf der großen Bühne präsentierte. Hier die Rede im Wortlaut:

„The first thing I want to be done, is to get that piece of crap [Jake Roberts] out of my ring. Don't just get him out of the ring, get him out of the WWF! Because I've proven, son, without a shadow of a doubt: You ain't got what it takes anymore! You sit there and you thumb your bible and you say your prayers, and it didn't get you anywhere. Talk about your Psalms, talk about John 3:16—Austin 3:16 says: 'I've just whipped your ass!' All he has got to do, is buy him a cheap bottle of Thunderbird, and try to dig back some of that courage he had in his prime. As the King Of The Ring, I'm serving notice to every one of the WWF Superstars. I don't give a damn what they are, they're all on the list—and that is Stone Cold's list—and I'm fixing to start running through all of them. As far as this championship match is concerned [HBK vs. British Bulldog], son, I don't give a damn if it's Davey Boy Smith or Shawn Michaels. Steve Austin's time has come. And when I get the shot, you are looking at the next WWF Champion. And that's the bottom line, 'cause Stone Cold said so.

Krone und Zepter? Stone Cold braucht keinen Firlefanz

In der Kürze liegt ja oftmals die Würze und das war hier nicht anders. Manchmal braucht es eben keine zehnminütige Tirade wie seinerzeit die Rede CM Punks, als dieser 2011 den Summer of Punk einläutete. Hier reichten ein paar deftige Worte und ein wenig gegen Roberts‘ Gimmick eines geläuterten Christen gerichtete Blasphemie. Dazu noch zwei Sätze, die Austins Agenda damals und in den weiteren Jahren seiner Karriere klar umreißen sollten, und fertig war die Killer-Promo. Dem Publikum wurde so eines unmissverständlich klar gemacht: Hier stand eine neue Art von Heel, der mit den typischen Chickenshit-Bösewichten wenig gemein hatte, ein astreiner Arschtreter, der keine Rücksicht kannte, der auf die Anerkennung der Leute pfiff, der einfach nur zeigen wollte, dass er der härteste Hund ist.

Vor diesem Hintergrund war es auch unendlich wirkungsvoll, dass Steve Austin den kitschigen Insignien des King of the Ring keinerlei Aufmerksamkeit schenkte. Krone, Zepter und Mantel? Blieben gänzlich unbeachtet und unberührt. Austin hielt seine Siegesrede und verschwand, ohne den Klimbim, mit dem sich die Heels vor ihm noch bereitwillig schmückten und mit dem sich auch zahlreiche Bösewichte nach ihm noch behängen sollten. Eine weise Entscheidung, bedenkt man nur, wie peinlich der Königsaufzug in der Vergangenheit bei Leuten wie Owen Hart, Mabel, Booker T oder zuletzt auch King Barrett gewirkt hat. Austin hatte für solchen Firlefanz nichts übrig, er wollte einfach nur Ärsche treten und Champion werden.

Stone Cold Steve Austin und der Anfang der Attitude Era

Dieser erfrischende Badass-Charakter stand im krassen Gegensatz zum üblichen WWF-Produkt der damaligen Zeit und markiert insofern einen Wendepunkt – weg vom bunten Karneval-Wrestling hin zu Inhalten, die sich an ein erwachseneres Publikum richteten. Das wird einem schon bewusst, wenn man sich vergegenwärtigt, dass auf derselben Card noch Jerry Lawler und der Ultimate Warrior für die Kinderbelustigung sorgten und weitere blöde Gimmicks wie Schweinehirten, Cowboys oder auch Fitness-Gurus sich in der Tag-Team-Szene messen durften. Gleichwohl waren mit Mankind und Goldust aber auch beim King of the Ring 1996 schon weitere Charaktere am Start, die die Attitude Era der Folgejahre maßgeblich prägen sollten.
 
Es spricht also letztlich vieles dafür, in Austins berühmter Promo sowas wie den Anfangspunkt jener Ära zu sehen. Dass die Attitude-Zeit aufgrund vieler Faktoren sicherlich eine aus heutiger Sicht oftmals überschätzte Periode in der Geschichte der Promotion aus Stamford darstellt – man denke nur an den ganzen Sexismus, geschmacklose Angles und eine oftmals grottige Midcard – tut hier nichts zur Sache. Schließlich handelt es sich um eine der erfolgreichsten Phasen der WWE-Geschichte und speziell im Main Event hatte diese Zeit ja auch sehr viel zu bieten. Das liegt nicht zuletzt an Austin selbst, dessen Fehden gegen Bret Hart, Shawn Michaels oder The Rock viele Millionen Fans weltweit begeisterten. Dass der King-of-the-Ring-Promo vom 23. Juni 1996 eine geradezu Wrestling-historische Bedeutung zukommt, ist kaum von der Hand zu weisen.

Letzte Änderung am Sonntag, 23 Juni 2019 17:41

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