Hall of History zum 100. Geburtstag von Stu Hart: Superman und Yoda

  • 03 Mai, 2015
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Stu Hart war der menschgewordene Hybrid aus Superman und Yoda. Dieses kantige Kinn, die gestählte Brust, die schier überirdische Kraft – damit hätte er glatt Christopher Reeve die Rolle seines Lebens streitig machen können. Auf der Wrestling-Matte war er dazu ein absoluter Großmeister, der bis ins hohe Alter aufopferungsvoll unzähligen Jungwrestlern ihre Meisterprüfung abnahm. Heute wäre der legendäre Wrestler, Promoter, Trainer und Patriarch des Hart-Clans 100 Jahre alt geworden.

Fast wie die fiktiven Filmhelden ist auch Stu Hart längst im Reich der Mythen angekommen. Ein Leben wie er wird keiner mehr führen: Er gründete eine der wichtigsten Wrestling-Familien aller Zeiten, alle seine zwölf Kinder sind im Business verankert: Sieben Jungs wurden Wrestler, einer wurde Ringrichter, alle vier Mädchen heirateten Wrestler. Und das, obwohl Stus Ehefrau Helen nichts für Wrestling übrig hatte. Hart selber hat gegen Bären und Tiger gerungen. Und im Hart Dungeon, seinem berühmt-berüchtigten Trainingskeller, soll er seine Studenten derart malträtiert haben, dass man, wenn es ganz still ist, immer noch ihre Schreie durch die Villa hören kann. Stoff, aus dem Legenden sind.

Weltkrieg lässt Traum von Olympia platzen

Harts Leben begann am 3. Mai 1915 in Saskatoon im kanadischen Staat Sasketchewan. Wie in den Biografien von vielen großen Selfmade-Men gehört es sich, auch bei Hart zu berichten:  Er hatte eine schwere Kindheit. Seine Familie war angeblich so arm, dass sie in einem Zelt lebte. Im Christlichen Verein Junger Menschen (englisch: YMCA) lernte Hart das Ringen auf die harte Tour kennen: Er wurde regelmäßig von Älteren vermöbelt.

Aber Hart war ein guter Ringer. Ein sehr guter. Er träumte von den Olympischen Spielen. Doch wegen des Zweiten Weltkriegs fielen die großen Wettkämpfe aus. Stattdessen führten die Armee-Kameraden Hart an Professional Wrestling heran. Der Kanadier orientierte sich um –  vom Sport zum Sports-Entertainment. Nach Kriegsende entdeckte ihn der legendäre Wrestling-Promoter Toots Mondt – Stu Hart stieg ins Business ein.

Ob man es glaubt oder nicht: Harts aktive Karriere verlief ziemlich erfolg- und höhepunktlos. Den einzigen Titel, den er gewinnen konnte, war zweimal die NWA Northwest Tag Team Championship. Ein Titel, den heute kein Mensch mehr kennt. Das war’s. Was daran gelegen haben könnte, dass Hart ungewöhnlich schnell einen Job als Promoter hatte. Bereits 1948 gründete er Stampede Wrestling in Calgary.

 

Ein Tiger unter der Veranda

Hart war zwar bis in die 70er-Jahre hinein aktiv im Ring, zu Weltruhm sollte er aber eher als Promoter und vor allem Trainer gelangen. Wikipedia führt mehr als 50 Namen auf der Liste der Wrestler, die Hart trainiert haben soll. Darunter Legenden wie Billy Graham und Jake Roberts, das Dynamite Kid, Edge, Chris Benoit und Chris Jericho. Vor allem aber trainierte er seine Verwandten im Hart-Clan, darunter seine Söhne Bret und Owen Hart und seine Schwiegersöhne Jim Neidhart und Davey Boy Smith. Zu den letzten im Dungeon ausgebildeten Wrestlern gehören die Hart-Enkel Nattie Neidhart (Natalya) und Harry Smith (David Hart Smith) und der enge Familienfreund TJ Wilson (Tyson Kidd), bekannt aus der WWE.
 
1951 hatte Stu Hart ein ehemaliges Waisenhaus für seine wachsende Familie gekauft. Es heißt, es sei ein lebendiges Haus gewesen, in dem regelmäßig Gäste übernachteten und Kinder umher tollten. Unter der Veranda soll ein Tiger namens Ted gelebt haben. Im Keller des Hauses richtete Stu Hart aber einen Ort des Schmerzes ein. Des Schmerzes und der Lehre. Einen Trainingsraum, in den viele junge Wrestler aufrecht eintraten und gebückt wieder heraus humpelten.

Superman + Yoda + Pai Mei = Stu Hart

Stu Hart trug nicht nur die Charakterzüge eines Yoda in sich, sondern auch eine Prise Pai Mei, dem japanischen Kampfkunst-Meister aus Kill Bill 2, der seine Schüler auf brutale Weise Technik und Demut lehrte. Der Weg war der Schmerz. „Stretching“ nannte sich die Technik, mit der Hart getreu seinen Ringer-Wurzeln seine Studenten verbrezelte und an ihre körperlichen Grenzen trieb. Nur die Härtesten hielten durch. Aber für viele Wrestler zahlte sich das Training aus: Wer den Hart Dungeon überstand, der hatte definitiv das Rüstzeug zum Wrestler. Mehr noch: Im Dungeon ausgebildet worden zu sein, war ein echtes Gütesiegel.

Tod an Krankheit oder gebrochenem Herz?

So erfolgreich seine berufliche Laufbahn war und so lang sein Leben, so tragisch war ein Teil seiner Familiengeschichte: Sohn Dean starb 1990 an Nierenversagen, Enkel Matthew erlag 1996 einer Infektionskrankheit, Sohn Owen stürzte bekanntermaßen 1999 bei einer WWE-Show in den Tod, als er sich von der Hallendecke abseilen ließ. Harts Frau Helen starb 2001, Schwiegersohn Davey Boy Smith 2002 und Sohn Bret erlitt im gleichen Jahr einen schweren Schlaganfall.

Die Schicksalsschläge und die vielen Jahre im Ring forderten irgendwann ihren Tribut: Mit zunehmendem Alter wurde auch ein Stu Hart schwächer. Arthritis und Diabetes stellten sich als sein Kryptonit heraus. Harts Familie nahm ihm große Teile seiner Arbeit ab. Noch miterleben konnte Hart seine Aufnahme in die Wrestling Observer Newsletter Hall of Fame im Jahr 1996 sowie die Verleihung des Order of Canada, Kanadas höchste Auszeichnung für Zivilpersonen (2001). Jahre nach seinem Tod wurde Hart unter anderen in die WWE Hall of Fame (2010) und die Professional Wrestling Hall of Fame (2014) aufgenommen.

Stu Hart starb am 16. Oktober 2003. Romantiker behaupten: Er sei an gebrochenem Herzen gestorben. Den Tod seiner Frau Helen nach 53 Ehejahren habe er nie verwunden. Tatsächlich waren es wohl eher eine Lungenentzündung, ein Schlaganfall und Nierenversagen, die den Patriarchen zeitgleich erwischten. Wrestling-Romantiker könnten behaupten: Eine Krankheit allein hätten diesen Mann wohl kaum alleine dahinraffen können. Bei seiner Beerdigung zollten ihm Hunderte Verwandte, Freunde und Bewunderer Respekt. Aber auch nach seinem Tod wird der Geist von Stu Hart gewiss weiterleben. Eben wie bei Yoda.

 

(Foto Stu Hart: "Stu Hart circa 2001" by Source (WP:NFCC#4). Licensed under Fair use via Wikipedia - http://en.wikipedia.org/wiki/File:Stu_Hart_circa_2001.jpg#/media/File:Stu_Hart_circa_2001.jpg, Foto Hart House: en.wikipedia.org)

Letzte Änderung am Mittwoch, 06 September 2017 18:29

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