Hall of History: Der Montreal Screwjob

  • 09 November, 2012
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hohHallo und herzlich willkommen zur vierten Ausgabe der Hall of History. Der 9. November ist nicht nur der Schicksalstag der Deutschen, sondern auch das Datum eines einschneidenden Ereignisses im Wrestling-Business: Zum 15. Jahrestag des „Montreal Screwjobs“ reisen wir 15 Jahre in die Vergangenheit zur Survivor Series 1997.

Er hatte Vince gewarnt. Aber der hörte nicht auf ihn. Und so krachte es gewaltig. Denn Bret sollte Wort halten. Wie immer. Würde Vince McMahon noch da sein, wenn Bret Hart aus der Dusche steigt, dann rechne er mit ihm ab. Als Hart nach dem Umziehen in der Tat seinen Boss erblickte, knockte er ihn schnurstracks mit einem wuchtigen rechten Haken aus. Das war keine Story, das war kein Angle. Das war bitterer Ernst. Bret kochte vor Wut. Und wer will es ihm verübeln? Er war auf grausame Weise vom Inhaber der World Wrestling Federation (WWF, heute WWE) hintergangen worden. Der gerade entthronte WWF Champion war das Opfer eines Vorfalls, der in die Geschichte als „Montreal Screwjob“ eingehen sollte.

Bret Hart ist eine der wirklichen Legenden im Wrestling-Business. Er gilt als einer der besten technischen Wrestler, die es je gegeben hat, als einer der größten Champions, als Aushängeschild seiner Generation. Obendrein als eine der wenigen aufrechten Personalien, die sich im verruchten Wrestling-Business umher treiben – und damit ist nicht (nur) der Hitman als Gimmick gemeint. Bret Hart vertrat moralische Werte, liebte die Bindung zu seinen Fans, wollte später in seiner Karriere eigentlich nicht einmal mehr Heel sein. Müsste man Bret Harts Geschichte aber einordnen, ob es eine Komödie oder eine Tragödie ist, fällt das Urteil nicht so rosig aus.


Tiefschlag über Tiefschlag - das Leben Bret Harts

Was hatte der Mann getan, dass ausgerechnet ihm so viel Unheil zuteilwurde? Im Jahr 1996 starb Harts junger Neffe Matthew, 1997 und 1999 seine Kollegen und Freunde Brian Pillman respektive Rick Rude. 1999 kam es außerdem zur vielleicht größten Tragödie, die das Wrestling-Business je erleben musste: Brets Bruder Owen sollte beim Pay-per-View Over the Edge als Blue Blazer den Entrance Stings imitieren, indem er sich von der Hallendecke abseilen ließ. Dabei stürzte Owen in den Tod. Eigentlich wollte Owen Hart zu dem Zeitpunkt schon gar nicht mehr Teil der McMahon-Company sein. Eigentlich wollte er aus Wut über Vince McMahon seinem Bruder 1997 zu World Championship Wrestling (WCW) folgen. Doch McMahon ließ ihn nicht. Und eigentlich wollte Bret zuvor selber auch gar nicht zur in Atlanta beheimateten Promotion wechseln. Wo man, wie er feststellen musste, kaum etwas mit ihm anzufangen wusste und seine Karriere wenige Jahre später ein unfreiwilliges, da verletzungsbedingtes, Ende fand. Der Montreal Screwjob stellte in dieser Reihe von Tragödien den schwersten beruflichen Tiefschlag für Bret Hart dar. Zuvor werden in diesem Text allerdings die Voraussetzungen dafür erörtert, die nötig sind, um das recht komplexe Bild, die Personalien mit ihren Verbindungen und somit die Positionen zu verstehen.


Trotz Millionenangebot - Hart blieb seinem zweiten Vater treu

Wir schreiben das Jahr 1996. Die Monday Night Wars sind im Gange. Mit der Finanzkraft, die hinter Multimillionär Ted Turner und seiner WCW steckte, konnte auch ein Vince McMahon nicht mithalten. So warb Turner der Company aus Stamford etliche Hochkaräter ab, darunter sogar Hulk Hogan. Alundra Blayze wurde abgeworben, als sie noch in der WWF Women’s Champion war. Eric Bischoff nutzte das schamlos aus und ließ Blayze ihren WWF-Titel mit zur WCW bringen ihn dort in einem Mülleimer live entsorgen. Auch an das damalige Aushängeschild der WWF machten die WCW-Funktionäre heran – Bret Hart.

Turner bot ihm neun Millionen Dollar über drei Jahre. Eine unfassbar große Summe für Bret Hart. Er musste sich mit dem Angebot auseinander setzen. Alleine schon seiner Familie wegen. Vince McMahon konnte da nicht mithalten. Er bot seinem Star nur etwa die Hälfte der Summe (immer noch mehr, als die anderen Wrestler verdienten), dafür aber einen nie dagewesenen 20-Jahres-Vertrag. Anders als viele vor ihm, wies Bret Hart tatsächlich Ted Turner zurück und entschied sich für Vince McMahon, den er als eine Art Vaterfigur sah: „If I left, it would have been a little bit like leaving my dad.“ Das sagte Bret in der Dokumentation „Hitman Hart – Wrestling With Shadows“. Ein Kamerateam begleitete das Geschehen um Hart ständig in diesen Monaten. Die Doku erlaubt daher einen ungewohnt eindringlichen Einblick hinter die Kulissen der McMahon-Company sowie in Bret Harts Privatleben. Das Kamerateam war schließlich auch in jener Nacht in Montreal dabei… Der Film zeigte dabei so brisantes Material, dass Vince McMahon versuchte, seine Veröffentlichung zu verbieten.


Der Heel-Turn

„Loyalty is important“, versicherte Hart, der also bei der WWF blieb und im Jahr 1997 zum Heel turnen sollte. Bret Hart war immer stolz, den Helden zu mimen. Er wusste, dass er damit viele Menschen, besonders Kinder, glücklich machte. Die deutlich kantigere Ausrichtung der Attitude Era gefiel ihm daher gar nicht sonderlich. Er stimmte aber dem Gesinnungswechsel zu, denn er erkannte: „I guess there are only so many times you can rescue the girl from the railroad tracks without people getting bored with it.” Im Zuge eines Doppel-Turns im Match gegen Stone Cold Steve Austin bei WrestleMania 13 erhielt der Hitman einen neuen Anstrich. Er entwickelte sich zum USA-Hasser.

Mit diesem Anti-Amerika-Gimmick zog er zwar eine Menge Heat in den Vereinigten Staaten, doch in seiner kanadischen Heimat war er weiterhin ein Volksheld. Das war Hart auch sehr wichtig, denn der Turn war nur über recht kurze Dauer erfolgreich: Nach einer kleinen Auszeit kehrte Shawn Michaels in die Shows zurück. Er war ebenfalls Heel und wurde als Special Referee in einem Match zwischen Bret Hart und dem Undertaker beim SummerSlam eingesetzt. Hart hatte den Eindruck, Michaels würde ihm sein eigenes Heat entziehen und lag damit ganz richtig. Michaels wurde rasch wieder zum Heel Nummer eins. In dem Match zwischen dem Hitman und dem Deadman gewann Hart übrigens die WWF Championship, nachdem Michaels „versehentlich“ den Undertaker mit einem Stuhlschlag, der für Hart gedacht war, erwischte. Backstage-Aufnahmen zeigen, dass Hart mit einem Titelgewinn auf diese Weise persönlich nicht zufrieden war.


Zwei, die verschiedener kaum sein könnten - Bret Hart und Shawn Michaels

Ohnehin war Bret Hart schlecht auf Shawn Michaels zu sprechen. Die beiden hegen eine lange Rivalität – inner- und außerhalb des Squared Circles. Das fing bereits in den 1980er Jahren an, als Hart und Michaels mit der Hart Foundation respektive den Rockers in der Tag-Team-Szene unterwegs waren, später bei Kämpfen in der Midcard um den Intercontinental Title und schließlich im Main-Event-Picture. Hart und Michaels sind zwei Persönlichkeiten, die verschiedener kaum sein könnten. Hart war nie aufmüpfig, er war einer, der ich als Hüter der Tradition sah, Michaels hingegen war ein Rebell, mit dem schwer zu arbeiten war. Später in der „Kliq“ nutzte Michaels seine Backstage-Macht aus und war selten bereit, gegen andere Wrestler zu verlieren. Ein Beispiel: Bret Hart brachte Michaels bei WrestleMania XII im Jahr 1996 im legendären 60 Minute Iron Man Match over, ließ ihn zum ersten Mal in der Karriere den WWF Title gewinnen. Hart nahm daraufhin eine Auszeit und Michaels wurde der neue Top-Star der Company aus Stamford. Ein Jahr später sollte Michaels eigentlich ein Rematch gegen Hart bestreiten und ihm den Gefallen zurückzahlen. Doch Michaels weigerte sich, trat den Titel lieber kampflos ab und nahm die eben erwähnte Auszeit. Offiziell wurde eine Verletzung als Grund vorgeschoben. Ein Grund, warum Michaels Hart nicht wieder over bringen wollte, war natürlich auch, dass er während Harts Auszeit in die Top-Position gerutscht war und diese verständlicherweise nicht wieder abgeben wollte.

Diverse weitere Probleme und Sticheleien sind überliefert. So stritt Michaels mit Vince McMahon, dass Hart nicht doppelt so viel Gehalt verdienen dürfe wie er selbst. Michaels drohte, die WWF zu verlassen. Bret erwähnte Shawns Neid on-air. Der schoss dann verbal gegen Hart zurück und unterstellte ihm in einer metaphorischen, aber unmissverständlichen Weise eine Affäre mit WWF-Diva Sunny („Bret has been seeing a lot of Sunny days lately.“). Eine Woche später kam es backstage zu einem echten Brawl zwischen Hart und Michaels. Das Heartbreak Kid stürmte aus dem Gebäude und schrie McMahon an: „Fuck this shit, Vince, I’ll never work for you again.” Diese Geschichte stammt aus dem Mai 1997. Die ewige Rivalität zwischen Bret Hart und Shawn Michaels wurde ein halbes Jahr später auch on-air wieder aufgegriffen. Es sollte zu einem Match der beiden bei der Survivor Series 1997 in Montreal kommen. Allerdings stand dieses Match unter besonderen Vorzeichen. Bret Hart sollte die WWF doch verlassen.


„He can't afford it anymore“

Vince McMahon sprach Bret Hart an – er wollte den 20-Jahres-Vertrag kündigen. Es hieß, die WWF sei in argen finanziellen Schwierigkeiten. McMahon könne nicht mit Turner mithalten. „He can’t afford it anymore“, berichtete Bret seiner Frau Julie. Manche Beobachter vertreten die Ansicht, dass der 20-Jahres-Vertrag, den nur Hart erhalten hat, Unmut unter den anderen Top-Stars ausgelöst hat. Möglicherweise forderten die das gleiche. „What followed”, schreibt Wrestling-Kolumnistin Kirsty Quested, „may have well been Vince’s way of sending a message to his superstars – if you try to play me against the WCW, this is what will happen to you.“

Hart war erschüttert über McMahons Bitte. Er stand seit 14 Jahren unter Vertrag, hatte sogar ein Angebot von WCW zurückgewiesen, wollte in der WWF bleiben und dort eines Tages seine Karriere beenden. Nun aber musste er dennoch mit Atlanta verhandeln. Er unterschrieb also einen deutlich besser dotierten Vertrag mit der Konkurrenz. Das Arbeitspapier mit der WWF wurde aufgelöst, hatte aber noch vier Wochen Restlaufzeit. In dem Kontrakt stand auch, dass Hart „reasonable creative control“ für die letzten 30 Tage erhalte. Sein Chef sicherte ihm zu, er könne das Unternehmen auf die Weise verlassen, die er selber wolle.


Nur nicht in Kanada

Die Survivor Series näherte sich also und Hart sollte den Titel an Shawn Michaels abgeben. „I talked to Vince“, erzählte Hart nach, „and he says I have to lose so Shawn in Montreal. He told me he can’t have me showing up on the WCW TV show wearing his belt.” Hart sicherte McMahon zu, dass er sowas nie tun würde. Auch Jahre später in Interviews für eine WWE-DVD über Bret Hart – „Bret Hitman Hart: Der Beste, den es gibt, gab und geben wird“ – berichteten Hart und Eric Bischoff, dass es nie Überlegungen gegeben habe, dass der Hitman mit dem Titel bei WCW auftreten soll. McMahon hatte aber wohl angesichts des engen Ratings-Krieges mit Nitro auch Bedenken, dass Bischoff nur erwähnen könnte, dass er Hart, den aktuellen WWF Champion, verpflichtet habe. Hart stimmte schließlich aber dem Titelverlust zu: „‚Fine, if you want me to drop the belt, I drop the belt – but not in Canada.‘“ Das war das nach Aussagen Harts erste Mal, dass er sich McMahon widersetzt hat.

Bret Hart wollte die WWF erhobenen Hauptes verlassen. Er fühlte, er könne seinen Fans in Kanada ein solches Ende nicht antun. Sogar während seines Heel-Runs haben sie ihn unterstützt und die Bindung gehalten. Nun könne er nicht sein Abschiedsmatch in Montreal verlieren. Hart versicherte Shawn Michaels, er habe grundsätzlich keine Probleme damit, gegen ihn zu verlieren. Nur eben nicht in Kanada. Michaels antwortete, dass er die Haltung schätze – er würde das gleiche aber nicht für den Hitman machen. Damit zementierte sich Harts Meinung, an dem Abend nicht verlieren zu wollen.


„I'm open to anything“ / „I can trust Earl“

Während also der 9. November und somit die Survivor Series immer näher rückten, lag eine Einigung aber immer noch in weiter Ferne. Noch bis am selben Abend war kein Kompromiss erzielt. „I’m open to anything“, sagte McMahon in einem Gespräch unter vier Augen mit Hart, das ohne McMahons Wissen aufgezeichnet wurde (dank des Teams, das die Dokumentation drehte). Bret Hart brachte Vince McMahon noch einmal seinen Vorschlag vor: Er würde den Titel am Folgetag nach einer Rede abtreten. Sie einigten sich auf ein unklares Matchende mit Disqualifikation, wenn die Hart Foundation und die Mitglieder D-Generation X ins Match eingreifen.

Vor dem Match sprach Bret mit seinem Freund Earl Hebner, dem Ringrichter dieses Matches. Hebner schwor auf seine Kinder, dass er nichts Außerplanmäßiges geschehen lasse. Er würde Hart nie hintergehen. „I can trust Earl“, sagte Bret seiner Frau, die zusammen mit Sohn Blade backstage in Montreal anwesend war. Auch Julie sprach selber noch mit Hebner. Die Harts hatten keine Ahnung, was Vince McMahon allerdings schon längst arrangiert hatte, damit Hart die Halle nicht mit dem Titel verlassen würde. Wie später herauskam, war Earl Hebner von Anfang an eingeweiht gewesen.


Ein sehenswertes Match

Los ging es also. Während seines Einzugs verunglimpfte Shawn Michaels als typischer Heel auf unterschiedliche Art und Weisen die kanadische Flagge. Bret Hart zog seinerseits eine rot-weiße Fahne mit dem Ahornblatt tragend in die Halle ein. Hart trug den WWF Title lange um seine Hüften, ehe er ihn abschnallte und recht lapidar an Earl Hebner übergab. Die erste Matchhälfte, die folgte, gehörte offiziell gar nicht zum Match: Noch bevor der Ringgong ertönte, begannen Michaels und Hart einen sehenswerten Brawl durch die Halle – ganz bis in den Entrance-Tunnel. Etliche Ringrichter tauchten auf und forderten die beiden Kontrahenten auf, in den Ring zurückzukehren. Und noch jemand erschien auf der Bildfläche: Vince McMahon. Auch er wollte die beiden ins Seilgeviert zurückbeordern. McMahon blieb von da an beim Geschehen, tauchte aber erst nach dem Matchende wieder im Bild auf.

Es war ein sehr sehenswertes Match. Ein Highlight war beispielsweise ein Figure-Four Leglock, den Hart um den Ringpfosten herum an Michaels ansetzte. Das Match verlief soweit wie geplant. Sowohl Michaels als auch Hebner und McMahon ließen sich über die ganze Matchdauer nichts anmerken. Dann folgte aber die Schlusssequenz. Es war angedacht, dass der Ringrichter ausgeknockt wird, Shawn Michaels Bret Hart in den Sharpshooter, den Finishing Move des Hitmans, nimmt. Hart sollte dann kontern und den Griff seinerseits ansetzten. Anschließend sollten die Mitglieder der DX und der Hart Foundation den Ring entern, sodass der Fight in einer doppelten Disqualifikation endet. Dadurch hätte Bret den Titel noch behalten. Doch es sollte bekanntlich anders kommen.


„Ring the bell“ / „They really screwed me, the lousy bastards“

Als Michaels Hart in den Sharpshooter nahm, signalisierte mit einem Mal Referee Earl Hebner, der sich auf Befehl von Vince McMahon schneller als abgesprochen wieder erhoben hatte, dass Bret Hart aufgegeben habe – was natürlich nicht der Fall war. Dann, mit den Worten Bret Harts, Folgendes: „I reached around to grab Shawn’s leg and I could hear someone say ‚Ring the bell‘. That’s when I knew it was Vince McMahon.“ Als sich Hart gerade aus dem Sharpshooter befreien wollte, läutete der Timekeeper tatsächlich die Glocke. Das Match war beendet. Der Schock war Bret Hart ins Gesicht geschrieben. „I finally realized that they screwed me”, empörte sich Hart in einer Nacherzählung: „They really screwed me, the lousy bastards“. Und sie betrogen ihn nicht nur – die Niederlage Harts durch den eigenen Finishing Move kam einer Verhöhnung gleich. Nachdem der Gong geläutet war, war auch Vince McMahon wieder im Bild zu sehen. Und dem spuckte Bret Hart vom Ring aus mitten ins Gesicht.

Shawn Michaels war offiziell wieder WWF Champion, nahm sich den Titel und verließ, flankiert von Hunter Heast Helmsley und Gerald Brisco, geradewegs die Halle. Dem Titel schenkte HBK dabei keine große Aufmerksamkeit. Erst auf der Rampe entschied er sich, noch ganz kurz den Gürtel in die Höhe zu recken und zu jubeln, ehe er durch den Entrance-Tunnel verschwand. Sofort darauf gingen die Kameras off-air. Es existieren aber weitere Aufnahmen: Bret Hart lehnte eine Weile stoisch an einer Ringecke und den Seilen. Dann rastete er aus: Er stieg aus dem Seilgeviert und demolierte teures Equipment, schmiss die Monitore, die in den Kommentatorenpulten platziert waren. Jim Neidhart, Davey Boy Smith und Owen Hart kamen hinzu und eskortierten Bret sicherheitshalber aus der Halle.


Vince McMahon - im Büro eingeschlossen

Zurück in der Umkleidekabine trafen sich Bret Hart und Shawn Michaels. Hart konfrontierte Michaels mit dem Geschehenen und fragte, ob das Heartbreak Kid da mit drin stecke. „My hands are clean on this one”, entgegnete der später praktizierende Christ und ergänzte: „I swear to God.“ Eine Lüge. Michaels war, genauso wie Earl Hebner, eingeweiht gewesen. Vince McMahon hatte sich indes in seinem Büro eingeschlossen. Der Undertaker, ein Anführer des Locker Rooms, kam ihm aber nach, klopfte an die Tür und forderte, dass McMahon herauskomme und sich bei Hart entschuldige. Viele Wrestler hatten angedeutet, ansonsten die RAW-Ausgabe am nächsten Tag zu boykottieren.

In der Zwischenzeit faltete Julie Hart Hunter Hearst Helmsley, Michaels’ DX-Kumpane und Freund in der „Kliq“, vor allen Anwesenden zusammen. Sie konfrontierte ihn: „You knew from the very beginning.“ Hunter, wie auch Julie ihn nannte, konnte ihr nicht in die Augen schauen, blickte entweder auf den Boden oder kurzzeitig in eine andere Richtung. Owen Hart kümmerte sich danach um seine Schwägerin.


„Somehow... Vince ran into my hand“

Vince McMahon gab dem Druck schließlich nach und verließ sein Büro. Hart wollte aber nicht mit ihm sprechen und ging duschen. Würde McMahon danach noch immer da sein, würde er mit ihm abrechnen. So kam es zur eingangs geschilderten Szene, die leider – im Gegensatz zu vielen anderen Szenen an diesem Tag – nicht vom Kamerateam der „Wrestling With Shadows“-Doku eingefangen wurde. Bret Hart schickte Vince McMahon mit einer harten Rechten zu Boden. Shane McMahon, Vinces Sohn, sprang auf die sogenannte Excellence of Execution (wie passend, der Name), Davey Boy Smith auf Shane. Anschließend wurden alle getrennt.

Was die Kameras aber einfingen, war ein im Anschluss sichtlich getroffener, leicht hinkender Vince McMahon, der einen Korridor entlang humpelte. Als Bret Hart vom Kamerateam kurz nach dem Vorfall befragt wurde, musste er sich schon fast ein Lächeln verkneifen, während er antwortete: „Somehow… Vince ran into my hand.“ Mit etwas zeitlichem Abstand erklärte Hart: „I drilled him. (…) There was no other choice but to get up and punch Vince one time.” Bret nannte diesen Hieb in Anlehnung an seinen Vater einen „Stu Hart Judgement Call”. In einem Interview für die WWE-DVD bereute Hart die Aktion schließlich ein wenig, da Shane McMahon diese Situation erfahren musste. Er verteidigte seine Rache aber mit der Begründung, dass ja auch seine Kinder in der Halle waren und den Screwjob live miterleben mussten.


Kolumne in der Calgary Sun

Obwohl Bret eigentlich noch kurz unter Vertrag stand, verließ er die WWF gleich am nächsten Tag: Eric Bischoff erklärte bei Monday Nitro, dass Bret Hart zu WCW komme. Sein Debüt feierte der Kanadier aber erst bei Nitro am 15. Dezember 1997. Noch einen Monat vorher, sechs Tage nach dem Screwjob, meldete sich Bret Hart in einer Kolumne der Zeitung Calgary Sun zu Wort und berichtete mit eigenen Worten, was passiert war. In diesem Artikel bezeichnete er Shawn Michaels als „primadonna of unmatched proportions“, erklärte der Öffentlichkeit, dass er in 14 Jahren nur zwei Matches verpasst und jährlich 250 bis 300 Kämpfe bestritten habe. Dass er dann von einem boshaften Promoter betrogen würde, hätte er nie gedacht.

„I was told by many who knew him that he was a dishonest, unsavory, lying, double-cross, dirty, rotten scoundrel“, verdeutlichte Bret Hart, der schon, bevor er in die WWF kam, die Geschichten über Vince McMahon gehört habe. Trotzdem habe er den Schritt gewagt. Hart resümiert: „My career ended with my evil boss, that no-good Shawn Michaels and a cowardly referee, in the saddest way I ever imagined. They killed me. Oh sure, Bret Hart is okay. I always will be. But the Hitman, well, they murdered him, right there in front of the world.”


„Bret screwed Bret“ / Mangel an Kommunikation

Bei RAW am 17. November äußerte sich Vince McMahon in einem Interview natürlich anders: „I truly believe that Bret Hart screwed Bret Hart. And he can look in the mirror and know that.” Der Montreal Screwjob war die Geburt des Mr.-McMahon-Charakters. Zuvor war McMahon, der jahrelang den Play-by-Play-Kommentator gab, zwar schon in den Shows als Eigentümer der WWF „entlarvt“ worden – doch bei der Survivor Series 1997 turnte McMahon Heel, verließ endgültig das Kommentatorenpult und wurde einer der besten Bösewichte in der Wrestling-Geschichte.

Jahre später äußerten sich Vince McMahon und Bret Hart über den Vorfall in Montreal für die WWE-DVD. McMahon glaubte, dass es wohl Bedauern auf beiden Seiten gebe. Hart meinte hingegen, dass sowohl er als auch McMahon ihre Positionen nicht ändern würden. Er verstehe es, wenn McMahon glaubte, das Richtige zu tun; er selber stehe auch zu seiner damaligen Entscheidung. Insgesamt hält Hart den Screwjob aber für komplett unnötig und es sei nur wegen eines Mangels an Kommunikation soweit gekommen.


Karriereende und Schlaganfall

Sein Engagement bei WCW sollte Bret Hart auch kein großes Glück mehr in seiner Karriere bringen. Dort hatten die Booker kaum Pläne für ihn. Im Jahr 2000 kam es dann zu einem weiteren schicksalhaften Match. Der Hitman trat in einem Match gegen Goldberg an. „Whatever you do“, warnte Hart Goldberg noch vor dem Match, „don’t hurt me.“ Das klang wie eine Vorahnung. In drei Situationen im Match musste Hart dann schwere Schläge auf den Kopf einstecken. Besonders in Erinnerung bleibt dabei ein unsauberer Tritt mit voller Wucht gegen den Schädel. Nach dem Match kümmerte sich jedoch keiner um Hart. Über drei Wochen wurde somit eine schwere Gehirnerschütterung verschleppt. Aufgrund eines „Post-concussion syndromes“ musste Hart schließlich sein Karriereende bekannt geben.

2002 erlitt Hart zu allem Überfluss auch noch einen Schlaganfall, in dessen Folge er kurzzeitig an den Rollstuhl gefesselt war. Ein weiterer heftiger Tiefschlag. Es war fraglich, ob der Hitman jemals auch nur halbwegs wieder körperlich fit werden würde.


Die Rache

Trotz all der Tragödien wirkt es heute nicht mehr, als hege Bret Hart einen Groll. Und seine Art wirkt meist so positiv, als würde alles stets wieder in Ordnung kommen. Manchmal meinte es das Schicksal dann auch tatsächlich gut mit ihm, als würde es ihn ein wenig für all die Häme entlohnen. Hart erholte sich recht gut von seinem Schlaganfall. Aber keiner wagte darüber nachzudenken, dass Bret Hart noch einmal wieder in den Ring steigen könnte. Doch genau das schaffte er.

Hart, der 2006 bereits in die WWE Hall of Fame aufgenommen wurde, und sich somit langsam wieder Vince McMahon annäherte, wurde 2010 zu WrestleMania XXVI tatsächlich für eine Story zurück geholt: Bret Hart durfte sich, zwölfeinhalb Jahre nach dem Vorfall in der Millionenstadt der kanadischen Provinz Quebec, on-air an Vince McMahon rächen und ihn in einem Match demütigen und besiegen. Sicher, das Match war schlecht. Aber es hatte eine symbolische Bedeutung. Die losen Enden, die sich beim Montreal Screwjob einst aufgetan hatten, wurden nun auch on-air verknotet. Es war eines dieser Matches, das einfach in der Geschichte noch geschehen, eine dieser Storys, die noch zu Ende erzählt werden musste. Und Bret Hart hatte alle Hindernisse überwunden und stieg noch einmal in den Ring. Bei RAW am 10. September 2012, also etwa 15 Jahren nach dem Montreal Screwjob, trat Bret Hart das erste Mal wieder in Montreal auf – und bekam Jubelstürme, die einer Legende würdig waren.

Habt ihr den Montreal Screwjob damals schon miterlebt? Konntet ihr erkennen, was da vor sich ging? Wie seht ihr den Vorfall heute? Welchen Stellenwert hat er in der Wrestling-Geschichte? Schreibt mir unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, hinterlasst einen Kommentar bei Facebook oder Twitter oder diskutiert in unserem Forum. Auch Anregungen, Lob und Kritik sind gerne gesehen. Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit. Bis zum nächsten Mal!

Letzte Änderung am Donnerstag, 20 Juni 2013 16:23

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