Exklusiv-Interview mit wXw Champion Karsten Beck: „Jubel macht Heels die Arbeit kaputt“ (Teil 1)

  • 16 März, 2015
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Er ist der Würger aus Wesel, der Maestro des Ringkampfes – und ein Heel, wie er im Buche steht. Jetzt ist Karsten Beck ganz oben angekommen: Er ist wXw Unified World Wrestling Champion. Im exklusiven Interview spricht er über seinen Titelgewinn, über die Philosophie eines Heel-Charakters, inwieweit er in den kreativen Prozess eingebunden ist und wann er es bereut, Wrestler zu sein. Teil 1.

Clothesline.eu: Bei Back 2 the Roots bist du jetzt erstmals wXw Unified Champion geworden, hast also den höchsten Titel bei der größten deutschen Wrestling-Promotion geholt. Was bedeutet es für dich, jetzt quasi als der beste deutsche Wrestler zu gelten?
Karsten Beck: Eine Menge! Da ich als wXw-Fan zum Euro-Wrestling gekommen bin. Ich hab circa 2003 oder 2004 meine erste wXw-Show besucht und bin komplett hängen geblieben. Egal, welche Leute damals im Ring standen – und das ist wirklich im Vergleich zu denen, die heute im wXw-Ring stehen, ein Unterschied sondergleichen –, ich wollte damals einer davon sein, und hab mir seitdem den Arsch dafür aufgerissen. Also, ich könnte kaum zufriedener sein mit dem, was ich erreicht habe.

Erinner dich einmal kurz zurück an das besagte Wochenende: Wie waren die Live-Reaktionen, als du den Titel gewonnen hast?
Erschreckt. Damit hat, glaub ich, in dem Sinne so keiner gerechnet, dass das passieren würde. Manche Leute haben ja tatsächlich Vince Russo erwartet, weil es ein paar Anspielungen darauf gab, aber ich habe mir mittlerweile die Szenen im Stream angesehen und die Leute sind tatsächlich schockiert und stehen teilweise mit offenem Mund da.

Ziel erreicht?
Ja, absolut.

Wenn man als Heel einen Titel gewinnt und feiert, wie sehr muss man sich da eigentlich kontrollieren, nicht aus der Rolle zu fallen?
Was heißt aus der Rolle zu fallen? Wenn man einen Titel gewinnt, freut man sich im Normalfall ja.

Aber muss man nicht Sorge tragen, dass sich nicht allzu viele Fans mit einem freuen?
Ja, gut, das ist im Normalfall, wenn man seine Arbeit vorher gut gemacht hat, nicht so. Ich hatte an dem Tag auch das Gefühl, dass es viel Jubel gab, aber nachdem ich jetzt den Livestream angesehen habe, muss ich sagen, dass es auch wahnsinnig viele Mittelfinger gab. Also, das ist schon in Ordnung gewesen. Man kann da auch durchaus seine Freude zeigen, das geht schon.

Wann freut man sich eigentlich mehr: Wenn einem gesagt wird, dass man Champion wird, oder wenn man tatsächlich im Ring steht, der Count gezählt wird und man den Titel in die Höhe reckt?
Das ist ganz schwer zu beantworten, weil das durchgängig unterschiedliche Sachen sind. Wenn einem gesagt wird, man wird Champion, dann weiß man, dass man beim Veranstalter wahnsinnig hoch im Kurs steht, und wie sehr man quasi „appreciated“ wird. Das ist relativ schwer auszudrücken. Das ist eine sehr, sehr hohe Anerkennung und die bedeutet einem wahnsinnig viel. Da kann in dem Prozess aber auch noch wahnsinnig viel passieren – es kann auch noch passieren, dass es nicht mehr passiert. Aber der Grundgedanke ist da und die Leute halten dich dafür bereit. Und der Moment, wenn man das Gold dann wirklich gewinnt, ist natürlich einfach großartig, wenn man dann weiß, jetzt hat jeder gesehen, er ist am Ziel und du hast das umgesetzt, was du vorhattest. Das sind beides völlig unterschiedliche Sachen, die aber im Moment, wenn sie passieren, einfach fantastisch sind.

„Am Anfang war ich unfassbar scheiße“

Hast du in der Entwicklung in den vergangenen Monaten damit gerechnet, dass es jetzt bald mal zum Titelgewinn kommen könnte?
Nein. Ich bin kein Mensch, der mit sowas rechnet. Ich bin immer ein Mensch, der auf den Moment hin arbeitet und versucht, in dem Moment, wenn er da ist, das Beste zu tun, und dann zu schauen, was damit passiert. Als ich angefangen habe mit Wrestling, war ich so unfassbar scheiße, dass es nicht abzusehen war, dass ich überhaupt mal irgendwann in einem Ring stehen würde.

Auf deine Entwicklung kommen wir gleich zu sprechen, jetzt nochmal zum Titelgewinn. Kannst du dir einen Reim darauf machen, dass ausgerechnet du ausgerechnet jetzt ausgewählt wurdest als Champion?
Naja, ich habe die World Triangle League gewonnen, das war dann schon ein sehr wichtiger Schritt, und ich denke einfach, dass der Karsten-Beck-Charakter einfach auf einem gewissen Höhepunkt ist.

Was meinst du damit?
Langsam fängt es dann, dass die Reaktionen sich mischen und manche Leute auch darauf aufspringen, dass mein Charakter so cool ist, dass sie anfangen, mir zuzujubeln etc. pp. Ich habe ja sehr lange und stark auf diesen Charakter hingearbeitet, um den so rüberzubringen.

Tassilo Jung hat dich bei uns im Interview als „ganz starken Old-School-Heel-Charakter“ bezeichnet, der gar nicht erst versucht, cool zu sein oder gemocht zu werden, auch nicht von den Smart Fans. Was ist da dran?
Das ist tatsächlich so. Jeder möchte gerne der coole Heel sein, und auf irgendeine Art und Weise der Böse zu sein, aber supercool rüberzukommen. Aber ich bin wirklich so, wie ich das für richtig halte. Ich gehe da raus und ich möchte nicht von irgendwem gemocht werden. Ich bin da draußen, um ausgebuht zu werden.

Die Gabe der Beleidigung in den Genen

Warum hast du diese Einstellung und unterscheidest du dich da von anderen?
Ich bin einfach ein sehr wortgewandter Kerl, was Beleidigungen angeht. Deswegen fiel mir das immer sehr leicht, das so umzusetzen, während ich aber gleichzeitig auch niemand bin, der besonders sympathisch auf Menschen wirken würde, wenn er der Gute wäre. Deswegen war es für mich immer der bessere und der einfachere Schritt, so zu arbeiten. Und es ist tatsächlich so, dass ich Menschen – so blöd sich das jetzt anhört – innerhalb von zwei Sätzen wirklich beleidigen kann. Selbst wenn ich das nicht mal wirklich möchte. Manche Sachen sind einem halt einfach irgendwo in die Wiege gelegt. (lacht)

Wo hast du das denn her und wo hast du das schon vor deiner Wrestling-Zeit einsetzen können?
Mein Vater ist genauso… oder mittlerweile bin ich wortgewandter als er, weil es ja nun mal zu meiner Profession geworden ist, Leute zu beleidigen. Aber ich bin tatsächlich damit aufgewachsen, dass Leute in meiner Umgebung sehr nette Sticheleien nebenher fallen lassen können.

Was macht die Rolle eines, wie Tassilo sagte, Old-School-Heel-Charakters so faszinierend?
Ein Old-School-Heel-Charakter zeichnet sich ja nicht durch besonders „Fancyges“ aus, das besonders spektakulär wäre, sondern man kann mit seinen Emotionen da viel mehr erreichen, und dann hin und wieder mal einen Wurf oder einen Griff machen und dazwischen viel mehr mit dem Publikum spielen. Das liegt mir einfach viel mehr, als irgendwelche völlig verrückten Griffe und Würfe auszuführen.

Bist du also noch jemand, der gemacht ist für das Wrestling vor Zuschauern in Hallen und weniger für Fernsehkameras?
Ich denke, das funktioniert durchaus beides. Man kann das gleich arbeiten. Ich sehe jetzt nicht, warum jemand, der auf die Halle wirkt, nicht auch durch die Kamera wirken sollte.

Weil man bei Fernsehübertragungen eher bei den TV-Zuschauern ankommen sollte und vielleicht gar nicht so die Chance hat, auf die Zuschauer vor Ort einzugehen?
Das habe ich auch schon anders gesehen. Da wird durchaus beides gemacht. Du siehst ja in der WWE-Fernsehübertragung auch nur das, was du als Zuschauer am Fernseher sehen sollst. In der Halle sieht das ja doch noch anders aus. Die richten ihre Kameras ja auch genau so aus, wie sie das haben wollen.

Privat ein ganz ruhiger Typ

Geht’s für dich als Heel auch so ein bisschen darum, aus dem Alltag auszubrechen und eben eine Rolle zu verkörpern, die man sonst im realen Leben nicht einnehmen kann?
Nein, absolut nicht eigentlich. Ich gehe da raus und entlade mich, ja. Also, ich bin privat ein absolut ruhiger Mensch, weil ich meine überflüssige Energie am Wochenende im Ring komplett damit raus lassen kann, in dem Sinne einfach freizudrehen. Aber ich mache das nicht, weil ich dann jemand anders sein kann. Der reale Karsten Beck liegt schon sehr nah an dem Wrestling-Charakter, den ich rüberbringe. Nur als Wrestling-Charakter kann ich alles sagen, was mir gerade einfällt, während ich als realer Mensch natürlich irgendwo auch sozial verträglich kommuniziere. Und dadurch, dass ich es am Wochenende komplett raus lassen kann, reagiere ich auch viel weniger aggressiv auf Dinge.

 

 

 

Es gibt ja viele Leute, die sagen, dass die Wrestling-Charaktere die besten sind, die eben an die realen Personen angelehnt sind.
Ja, die besten Wrestling-Charaktere sind natürlich die, die am ehesten dem Charakter auch liegen. Weil man sich dann ja auch nur auf seine eigene Art einstellen muss und die quasi überzeichnet darstellen soll. Das heißt jetzt nicht, dass ich gerne im Privatleben ausrasten und jeden anschreien möchte, im Privatleben bin ich eigentlich ein recht ruhiger Typ, aber wenn es sein muss, könnte ich. Und so kann ich die Sache einfach überspielen, überzeichnen und darum eben auch so mit den Zuschauern connecten, wie ich es tue.

Heutzutage gibt es auch immer mehr sogenannte Smart Fans, die auch Leistung einschätzen wollen und auch die Heels anfeuern. Freust du dich nicht manchmal doch darüber, wenn aus manchem Fan-Lager in der Halle Jubel kommt?
Ne. Weil Smart Marks zum Großteil ja Smart Mark sein wollen, aber im Endeffekt nichts davon verstehen, was sie gerne möchten. Ich hab in letzter Zeit Dinge gelesen, als Vince Russo da war, wo online stand „Ich würde meine Booking-Ideen gerne mal mit Vince Russo diskutieren“. Das sind halt einfach Menschen, die haben gar keine Ahnung, was alles hinter dem steckt, was da im Ring passiert, wie viel Arbeit in so eine Geschichte reingesteckt wird, und wie viel Überlegung dahinter steht. Smart Marks machen sich die Sache im Endeffekt selber kaputt, weil sie sich gegen die Art, wie sie eigentlich unterhalten werden sollten, entscheiden, und sich selber dadurch irgendwo die Stimmung versauen.

Aber es gibt doch auch wirklich clevere Smart Fans, die seit vielen Jahren dabei sind, auch einen gewissen Blick für das Ganze entwickelt haben. Ist es dann nicht das größte Lob, was man bekommen kann, von so jemandem bejubelt zu werden?
Das größte Lob ist eigentlich, wenn man es tatsächlich schafft, diese Leute auch gegen sich aufzubringen. Und wie ich gemerkt habe, ist das vielerseits mit der Vince-Russo-Storyline auch absolut übereingeklungen, und das hat teilweise noch funktioniert. Das sehe ich vielmehr als Anerkennung an. Natürlich merke ich, dass viele Leute meine Entwicklung, die ich genommen habe, honorieren, gerade die, die lange dabei sind. Aber… ich würde jetzt nicht sagen, dass das ne große Ehrung ist, wenn irgendein Smart Fan, der nicht irgendwo tiefer in der Materie sich befindet, sich da positiv äußert.

Du hast ja einen Charakter, der häufig durch Betrügereien gewinnt, auch ab und an Comedy macht. Muss man dich auf diese Weise darstellen, damit du nicht versehentlich noch mehr bejubelt wirst, weil dich Leute inzwischen eigentlich gut finden und deine Leistung schätzen?
Ich sag mal, die Leute mochten irgendwann auch einen Ric Flair, der belogen und betrogen hat, und die Leute haben Eddie Guerrero geliebt, der betrogen hat ohne Ende. Das sind halt einfach Sachen, die passieren. Fans machen sich irgendwann ihre Charaktere ja selbst. Selbst, wenn es anders gedacht ist. Mein Charakter – also, es sitzt da keiner, der sagt „Du machst jetzt das und das, jene und welche Betrügereien im Ring“. Klar heißt es mal „Versuch, das und das einzubringen“, aber den Charakter, so wie er ist, habe ich mir ja selber irgendwo geschaffen. Das ist meine Interpretation von der Sache, die ich darstelle. Deswegen liegt das mehr an mir, wie das rübergebracht und aufgenommen wird.

Jubel macht Heels die Arbeit kaputt

Dann verrat mir mal: Was ist das Geheimnis, Reaktionen zu ziehen? Hast du da Techniken oder Methoden, auf die du immer wieder zurückgreifen kannst, oder wie erfindet man sich auch als Old-School-Heel-Charakter immer wieder neu?
Man muss sich immer wieder neu erfinden, aber das ist auch eine Sache, die findest du mit der Zeit. Wenn du das erste, das zweite, das was-weiß-ich-wievielte Mal da rausgehst, dann fehlt dir die Erfahrung. Ich kann mittlerweile rausgehen und alleine mit meiner Körpersprache das so darstellen, so überheblich wirken, dass die Leute irgendwo sofort merken „Den mag ich nicht“. Und das gleiche hat ja zum Beispiel Absolute Andy auch auf der „guten Seite“. Der geht da raus und die Leute jubeln ihm einfach zu. Bad Bones hat das in beide Richtungen, je nachdem, wie er das gerade darstellt. Manchen Leuten liegt es halt einfach, da rauszugehen, und den Leuten alleine durch ihre Mimik und Gestik zu zeigen, was Sache ist.

Wie kann man denn steuern, wenn es im ersten Moment noch nicht so läuft mit den Reaktionen der Zuschauer?
Es gibt immer die Möglichkeit, jemanden anzuschreien und jemandem klar zu machen, dass man nicht der Gute ist. Man kommt teilweise raus und die Reaktionen sind sofort da, und manchmal kommt man raus und muss mit den Reaktionen arbeiten. Ich habe das dann als Böser um einiges einfacher, einfach den Erstbesten in der Halle anzuschreien, möglicherweise auch noch mit meinem Handtuch nachzulangen, und dann hat sich die Sache meist auch irgendwo ergeben. Danach kann man immer noch aufs Mikrofon zurückgreifen.

Ich weiß nicht, wie oft du noch manchmal anderswo in Hallen bist und dir anderes Wrestling anguckst. Wenn du einen guten Heel siehst, bejubelst du ihn dann, weil du ja einschätzen kannst, dass der das richtig gut macht, oder bist du so unterstützend und buhst ihn lieber aus?
Wenn dann, buhe ich ihn aus. Er macht doch seine Arbeit gut. Warum sollte ich dann der Smart Mark sein, der dem Heel zujubelt und ihm seine Arbeit kaputt macht?

Das heißt, das Buh ist auch von einem Kenner der größte Jubel?
Ja! Und wenn du ein erfolgreicher Heel bist, dann ist das Ausbuhen dein Applaus.

Die Fragen stellte Maik Hanke am Telefon.

Bild-Hinweis: Copyright 2015 by wXw Europe GmbH

Letzte Änderung am Freitag, 08 September 2017 22:28

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