Die Charaktere in Politik und Wrestling 2016

Was haben Kevin Owens, The Miz, Samoa Joe und Donald Trump gemeinsam? Richtig, sie alle wurden 2016 Champion - und zwar allesamt nach demselben Prinzip.

So schnell sich die Welt inzwischen auch drehen mag, was sich mit einem Jahreswechsel nicht ändert, das sind im Privaten die Menschen, mit denen wir uns umgeben und im Öffentlichen die Figuren, die starken Charaktere, mit denen wir uns auseinandersetzen. Starke Charaktere - das ist der Knackpunkt. Das ist der Unterschied zwischen Miz und Ziggler. Der Unterschied zwischen Joe und Tye Dillinger. Der Unterschied zwischen Donald und Hillary. Heute wollen wir einen kleinen Rückblick auf die großen Charaktere 2016 wagen. Meine Prognose: Genau diese werden uns auch wieder 2017 durchs Jahr begleiten:

Kevin Owens

Der Mann, der 2016 das für mich größte Kunststück vollbracht hat: Den nahtlosen Übergang zu RAW zu schaffen und dabei nur minimal an Authentizität einzubüßen. Charlotte, Sasha Banks, Sami Zayn, die Liste geht endlos weiter. Ich mag sie, aber niemand hat es geschafft, den Zauber von NXT in die Hauptshows zu transportieren. Natürlich kann auch ein KO nichts am Booking ändern, aber er schafft es zumindest immer noch, bei sich selbst zu bleiben. Anders als bei anderen hat man bei ihm nie das Gefühl, Kevin Steen zuzusehen, der gerade Kevin Owens spielt.

 

The Miz

Wie ging der alte Foley-Kalauer nochmal? "What's the difference between The Miz and the 100-year-war? At a certain point, the 100-year-war was over"

Die Zeiten, in denen an dieser Stelle ein Lacher noch gerechtfertigt war, sind vorbei. The Miz hat sich gemacht. Und zwar heftig, In erster Linie zu verdanken ist das seiner Mini-Fehde mit Daniel Bryan. Nach Bret & Shawn, Ric & Sting, Cena & Edge gibt es nun Bryan & Miz. Die beiden haben einfach eine unschlagbare Chemie. Selbst Daniel Bryan, der ständig betont, wie wenig ihm das ganze Charakterzeugs liegt, nimmt man plötzlich jedes Wort ab. Und Miz nutzt das Ganze und trägt es in die Fehden gegen seine eigentlichen Gegner. Wenn Owens derjenige ist, der es am ehesten geschafft hat, seinen Charakter zu wahren, ist Miz vielleicht derjenige, der sich 2016 am meisten gefunden hat. Hut ab!

 

Alexa Bliss

Tatsächlich mal jemand, der im Mainroster seine besten NXT-Leistungen noch toppt. In NXT war die Gute zusammen mit den 4 Horsewomen einfach zur falschen Zeit am falschen Ort, das Spotlight war schlicht überfüllt. Charlotte mag der Star der Division sein. Die, die einfach nach Champ aussieht und auf alle anderen herunter blickt. Wenn es aber nach kleinen, cheatenden und menschlich abstoßenden Heels geht, da kommt zumindest am Mic und in Sachen Mimik niemand an den blonden Giftzwerg ran. Sie und Becky Lynch schaukeln sich gerade wunderbar gegenseitig Woche für Woche hoch. Ich hoffe, sie bleibt noch für lange Zeit bei SmackDown. Während sich Vince und Hunter streiten, wer bei RAW die 5000. Auflage von Charlotte vs. Banks gewinnen soll, soll sie weiterhin bei SD die wirklichen Highlights liefern.

 

Johnny Gargano & Tommaso Ciampa

Niemand hat 2016 weniger geredet und niemand hat mich mehr bewegt, als diese beiden. DIY zeigen: Auch in unseren heutigen Zeiten, in denen so viel Wert auf Promos gelegt wird, musst du kein großartiger Talker sein, um ein großartiger Wrestler und Entertainer zu sein. Ich kann es nicht einmal aufdröseln oder beschreiben - will ich auch nicht. Aber die beiden hatten mich zusammen mit The Revival mehr als einmal den Tränen nahe. Und als sie sich in Toronto die Titel geholt haben, habe ich wie ein verficktes Baby geheult! Danke dafür!

 

Bobby Roode

Can you feel it? Can you feel how glorious we are?! Ich weiß nicht, wie er das anstellt, aber wenn Roode seinen Entrance vollführt, fühlt sich Full Sail University plötzlich wie der Citrus Bowl, die nächste Austragungsstätte von WrestleMania, an. Erinnert mich ein bisschen an Rick Rude, Ric Flair oder Sting... er schafft es irgendwie, alles "groß" aussehen zu lassen. Wenn die Crowd nach dem 15. Entrance immer noch in minutenlangen "That was glorious"-Chants aufgeht, weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Ganz abgesehen davon, dass das ganze Gimmick, angefangen vom Look, über die geniale Einstiegspromo (Stichwort "you can continue to wear your oversized shirts") bis hin zum epischen Theme ein einziger Homerun ist. Roode wird auch das nächste Jahr über eine Bank sein. Die große Frage für mich ist nur: Bei NXT, oder im Mainroster?

 

Donald Trump

Was?! Der Typ ist doch überall, also warum auch nicht hier? Es geht doch um Sternstunden fiktionaler Charaktere, oder? Hat sich mal jemand die Mühe gemacht, Trumps Promos mit seinen Interviews und Pressekonferenzen zu vergleichen? Dieselbe überzogene Mimik, dieselbe überzogene Gestik, derselbe Sprachrhythmus. Immer dieses auf Konfrontation getrimmte, sehr laute, sehr langsam und deutlich vorgetragene Gorilla-Gehabe. Es ist verdammt schwer zu leugnen, dass er sich so einiges aus unserem Universum abgeschaut hat - so kommt man over!

Er kannte seinen Charakter, kannte seine Botschaft, wusste wie sie ankommt und hat sie entsprechend gesellt. Der Mann wusste, er wird keinen Popularitätswettbewerb gewinnen und hat es gar nicht erst versucht. Was ihm letztendlich den Wahlerfolg gebracht hat, ist meiner Meinung nach die Abwesenheit eines entsprechend markanten Babyfaces. Ich gebe zu, den Wahlkampf nur flüchtig verfolgt zu haben, aber wenn ich etwas von Trump gehört habe, ging es ihm zumindest im Kern um Amerika - Vormachtstellung halten, Wirtschaft stärken, die bösen Einwanderer rausschmeißen etc. Das einzige, was ich von Clinton je gehört habe war... "E-Mails sind doof... ich bin eine Frau, das ist gut! Wählt mich!". Ein flaches Programm ist eben immer noch besser, als ein Nullprogramm. Dagegen hätte jeder Hydrant anstinken können...

 

Samoa Joe

Den Main Event überlassen wir dann lieber doch jemandem, der weiß, was er tut. So gerne ich The Miz als arroganten A-Lister sehe, so gerne ich Owens als schlagfertiges Arschloch sehe und so gerne ich Enzo auch nackt sehe, wer kommt bitteschön an Joe ran? Bestes Beispiel: Wir befinden uns Backstage, Tye Dillinger hat wieder mal ein Match vergeigt und will sich nun  gegen den Champ (zu dem Zeitpunkt Joe) beweisen. Joe ist natürlich der Meinung, Dillinger gehöre nicht mit ihm in den selben Ring, sei nicht würdig. Dillinger will ihm einen Grund geben und was macht er? Verpasst ihm eine Ohrfeige! Joe! What the fuck?!

Es gab da keine große Hintergrundstory dazu, aber das war ein Markout für mich, ein kleiner Moment, in dem man sich einfach als Fan im Geschehen auf dem Bildschirm verlieren kann. Du verpasst Joe doch keine Ohrfeige! Zumindest nicht, wenn du vor hast, die nächsten 6 Wochen noch feste Nahrung zu dir zu nehmen. Joe hat einfach diese fucking Badass-Aura. Seit er bei NXT und wieder voll motiviert aufgetaucht ist, gab es nicht einen Moment, den ich nicht genossen habe. 2017 bitte mehr davon!

Letzte Änderung amDonnerstag, 22 Dezember 2016 11:58
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